Brisantes Bischofstreffen

von Redaktion

VON CHRISTOPH RENZIKOWSKI UND CHRISTIAN WÖLFEL

München – Schon länger nicht mehr hatte eine Vollversammlung der katholischen Bischöfe Bayerns so viel Brisanz wie diese. Verantwortlich dafür ist das vor gut zwei Monaten vorgestellte Münchner Missbrauchsgutachten, das auf die ganze Kirche im Freistaat ausstrahlt – nicht nur wegen erneut sprunghaft angestiegener Austrittszahlen.

Die Freisinger Bischofskonferenz hat heute und morgen im Regensburger Priesterseminar eine wichtige Personalfrage zu entscheiden. Dabei geht es um das Katholische Büro Bayern. Dessen Leiter, der Münchner Domdekan Lorenz Wolf, stellte gerade erst wie berichtet seinen Posten zur Verfügung – als persönliche Konsequenz aus dem Gutachten, auch wenn er die meisten Vorwürfe gegen seine Person bestreitet.

Bis morgen haben die Oberhirten samt Weihbischöfen aus München, Bamberg, Augsburg, Eichstätt, Passau, Regensburg und Würzburg Zeit, über die Frage zu beraten, ob der 66-Jährige trotzdem im Amt bleiben soll oder nicht. Der Vorsitzende ihrer Konferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, wird sie um Zustimmung für eine Entpflichtung bitten. Doch ob er sie auch bekommt? Als Frontmann der Deutschen Bischofskonferenz (2014-2020) machte sich Marx durch sein oft forsches Vorpreschen gerade unter den bayerischen Mitbrüdern nicht viele Freunde. Bei von ihm betriebenen Reformen hatte der Kardinal in heimischen Gefilden mehrfach keine Mehrheit hinter sich.

Davon völlig unberührt war bisher die Position ihres gemeinsamen katholischen Chefdiplomaten in München, Lorenz Wolf. Der Oberbayer war nicht zuletzt deshalb unangefochten, weil es ihm offenbar gelang, die durchaus unterschiedlichen Interessen der Bischöfe zu einem Ausgleich zu bringen und entsprechend gegenüber Staatsregierung und Landtag zu vertreten. Dies zeigte sich etwa bei den teils für die Kirche schwer zu akzeptierenden Corona-Einschränkungen in den vergangenen zwei Jahren. Völlig geräuschlos managte der promovierte Kirchenrechtler auch langwierige Verhandlungen um Konkordatslehrstühle und Staatsleistungen für Gebäude oder Bischofsgehälter.

Sollten die Bischöfe in Regensburg dennoch dem Rückzugsgesuch des Prälaten entsprechen, heißt das aber noch lange nicht, dass sie sofort eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger präsentieren. Bis Wolf selbst im Herbst 2009 gefunden und installiert war, brauchte es auch schon zwei Vollversammlungen.

Bei der Besetzung könnte Beobachtern zufolge das Thema Frauenförderung in Führungspositionen eine Rolle spielen. Schon bisher hatte Wolf eine weibliche Stellvertreterin, die Juristin Bettina Nickel. Sie wird morgen auch gemeinsam mit Kardinal Marx die Ergebnisse des Treffens in Regensburg der Öffentlichkeit vorstellen. Dabei wird es laut Ankündigung um die Situation der Flüchtlinge aus der Ukraine gehen, aber auch um Kirchenasyl. Hier ist Nickel die erste Ansprechpartnerin auf katholischer Seite in Bayern. Die Anwältin kann sich auf diesem staatskirchenpolitisch verminten Gelände aktuell als Gewinnerin fühlen. Ihre Linie bei der Beratung von Kirchenasyl gewährenden Gemeinden und Klöstern wurde vom Bayerischen Obersten Landesgericht bestätigt.

Artikel 3 von 11