München – Michael Häsch setzt seit Jahren auf möglichst regionale Lieferketten. Das Futter für die Legehennen in seinem Stall in Dietramszell (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) kommt zum größten Teil aus der Region. Hafer, Mais und Soja, alles aus Oberbayern, gemahlen und gemischt in der eigenen Anlage. „Wir sind sehr regional verankert. Und trotzdem hängen wir mit am Weltmarkt“, sagt der Landwirt. „Wir müssen ständig rechnen.“
Denn seit Beginn des Krieges in der Ukraine sind die Futterkosten steil angestiegen. Die Sorge ist groß, dass die Importe aus der Schwarzmeerregion von Getreide, Soja oder Sonnenblumenkuchen (ein als Tierfutter genutztes Nebenprodukt bei der Ölherstellung) ausbleiben könnten. Die hohen Preise treffen vor allem die Nutztierhalter – und am Ende wohl auch den Verbraucher.
Friedrich-Otte Ripke, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft, schlägt Alarm. Bei den Putenhaltern gebe es bereits 20 Prozent Leerstand in den Ställen, weil keine auskömmlichen Preise mehr erzielt werden könnten. „Wir brauchen für die Kosten von Energie und Futter höhere Erzeugerpreise“, fordert Ripke. Er fürchtet, dass in wenigen Wochen die Lager mit Ökofutter leer sein könnten, denn viele Betriebe seien auf das gentechnikfreie Eiweißfutter aus der Ukraine angewiesen. Ripke fordert die EU zu Lockerungen bei den Kriterien für das Biosiegel auf, sodass Bio-Betriebe übergangsweise auch konventionelles Futter verwenden können.
Thomas Neumaier, Fachberater beim Naturland-Verband, sieht aktuell noch keinen Handlungsbedarf. „In Süddeutschland ist die Abhängigkeit der Öko-Bauern von Importen nicht sehr hoch. Etwa 90 Prozent des Futters bekommen unsere Landwirte aus eigenem Anbau oder über regionale Kooperationen.“ Die süddeutschen Futtermühlen gehen seinen Angaben zufolge derzeit größtenteils davon aus, genug Futter bis zur nächsten Ernte aufzubringen. Sollte es vor der neuen Ernte wirklich knapp werden, könne man aber darüber diskutieren, ob Bio-Bauern weiter auf konventionelles Futter wie Kartoffeleiweiß oder Maiskleber zurückgreifen dürfen. Bislang war das in geringem Maß erlaubt, heuer müssen Bio-Bauern darauf erstmals verzichten. Neumaier betont aber, dass die Abhängigkeit der konventionellen Landwirte von den Importen aus dem Osten deutlich größer sei als im Öko-Landbau.
Bislang sei die Zahl der bayerischen Tierhalter, die aus Kostengründen nicht mehr aufstallen, noch sehr gering, sagt Geflügelbauer Michael Häsch. „In Norddeutschland sieht das anders aus.“ Dennoch hat er Bauchschmerzen angesichts der Preissteigerungen. „Wir werden die Preise für Eier und Fleisch erhöhen müssen.“ Seine Sorge: Dass der Verbraucher nach der Heizölabrechnung und den teuren Spritkosten nicht mehr zur regionalen Ware im Supermarkt greift. Sondern zum günstigsten Produkt – wo auch immer das herkommt. mit dpa