München – Vergangene Woche hat Bundesumweltministerin Steffi Lemke ein paar Pflöcke eingeschlagen. In ihren Eckpunkten für ein Aktionsprogramm zum natürlichen Klimaschutz machte die Grünen-Politikerin deutlich, dass sie natürliche Öko-Systeme in Deutschland so schützen und wiederherstellen will, dass möglichst viele Treibhausgase gebunden werden. Einen Beitrag dazu sollen auch alte Buchenwälder in öffentlicher Hand liefern. Dort soll künftig kein Holz mehr eingeschlagen werden, wenn es nach der Ministerin geht.
Noch ist völlig unklar, welche Dimension diese Pläne haben werden. Es gebe „zwar Überlegungen, aber noch keine konkrete Festlegung, wie viele Hektar alte, naturnahe Buchenwälder zukünftig dauerhaft aus der Holznutzung genommen werden sollen“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Zunächst müssten Gespräche mit den Ressorts und mit Experten geführt werden, um eine Definition für „alte naturnahe Buchenwälder“ festzulegen. Man hoffe aber auf eine „Allianz der Freiwilligen“ – und somit neben den Bundesländern auch auf die Privatwaldbesitzer. Doch in Bayern hält sich die Begeisterung bei den Verantwortlichen in Grenzen.
Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) betont: „Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der aktuellen Energie- und Rohstoffkrise halte ich die ideologisch motivierte Stilllegung weiterer Wälder für das vollkommen falsche Signal.“ Das Holz müsse vielmehr intelligent genutzt werden, statt es im Wald verrotten zu lassen. Nur so könne der Dreiklang aus Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Biodiversität gelingen. „Vom Bund hören wir bisher nur Absichtserklärungen, aber nichts Konkretes, das führt nur zu unnötiger Verunsicherung bei unseren Waldbesitzern.“ Bayern jedenfalls habe sein Ziel von einem grünen Netz von Naturwäldern auf zehn Prozent des Staatswaldes bereits erreicht. Auch die Staatsforsten plädieren für einen vernünftigen Mix aus bewirtschafteten und aus der Nutzung genommenen Flächen. Der Holzbedarf steige kontinuierlich, da sei es sinnvoll, den heimisch nachwachsenden Rohstoff auch zu nutzen.
Bei den Privatwaldbesitzern herrscht ebenfalls große Skepsis: „In der aktuellen Situation kommen so manche Träumereien an ihre Grenzen“, sagt Hans Ludwig Körner, Geschäftsführer beim Bayerischen Waldbesitzerverband. Der Bund müsse schon ein gutes Angebot machen, damit private Waldbesitzer ihre Flächen, die sie über viele Generationen hochgezüchtet haben, aus der Nutzung nehmen. Er fürchtet zudem einen negativen Effekt: So mancher könnte die Axt an seinen alten Buchenwald legen, sollten gesetzliche Auflagen kommen. „So konnten wir das leider auch bei den Streuobstwiesen beobachten, nachdem angekündigt wurde, dass die Flächen unter Schutz gestellt werden.“
Naturschützer hingegen halten ein Holzeinschlag-Verbot für alte Buchenwälder für überfällig. „Wir beobachten leider immer wieder, dass in Buchenwäldern teilweise zu stark aufgelichtet wird, um neue Baumgenerationen zu etablieren“, sagt Ralf Straußberger, Waldexperte beim Bund Naturschutz. „Das gefährdet aber den Restbestand, denn die Buche ist sehr sensibel und braucht geschlossene Wälder.“ Eine naturnahere Bewirtschaftung sei deshalb wünschenswert. Von dem Argument, dass das Holz lieber baulich genutzt werden sollte, weil dadurch lange CO2 gespeichert werde, ist Straußberger nicht überzeugt. „Die Realität ist leider, dass das Holz zu großen Teilen schnell wieder verbrannt oder zu Papier verarbeitet wird. Und dann ist das CO2 nach ein bis zwei Jahren schon wieder in der Atmosphäre.“ Buchenwälder könnten hingegen dreimal so alt werden wie bisher, wenn sie nicht bewirtschaftet werden. „So lange steht auch kein Holzhaus.“
Eine komplette Stilllegung halten Naturschützer an manchen Standorten für sinnvoll. Etwa im Steigerwald, den sich Bund Naturschutz und die Grünen schon lange als dritten Nationalpark in Bayern wünschen. „Urwälder wie im nördlichen Steigerwald sind besonders schützenswert“, sagt Ludwig Hartmann, Grünen-Fraktionschef im Bayerischen Landtag. Alte Laubwälder seien ideale Wasserspeicher, natürliche Klimaanlagen und gigantische Kohlenstoffspeicher. Deswegen sei es höchste Zeit, dass Bayern mit dem Steigerwald als drittem Nationalpark endlich einen weiteren „Brutkasten“ für mehr Artenvielfalt schaffe.