Neustart in Bayerns Schulwelt

von Redaktion

Svitlana und Dima haben zweifach Unterricht: in München und digital in der Ukraine

VON DIRK WALTER

München – Svitlana, 15, aus Shitomir in der Ukraine zückt ihr Handy. „My school was bombed“, sagt das zierliche Mädchen. Die Mitschülerinnen horchen auf. Das hat ihnen Svitlana noch nicht erzählt. Schweigend sehen sie sich die Fotos von der zerstörten Schule an. Seit drei Wochen ist Svitlana jetzt in München, sie kam mit ihren Großeltern über die ukrainisch-rumänische Grenze, wohnt nun mit sechs Personen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung – das sei aber besser als sich „im Bunker zu verstecken“, sagt sie auf Englisch. Svitlana besucht die Mittelschule an der Simmernstraße in Schwabing. Jetzt sitzt sie in dem Raum für die Mittagsbetreuung. Hinten ein Kicker, vorne eine kreideverschmierte Tafel.

Normalerweise sind die Schüler hier zum Verschnaufen. Jetzt hören sie die Kriegsgeschichten von Svitlana und Dima, 14, einem Jungen aus Krivoy Rog.

Die beiden ukrainischen Jugendlichen sind zwei von insgesamt acht geflüchteten Schülern, die die Mittelschule aufgenommen hat. Überall in Bayern haben jetzt ukrainische Schüler ihre ersten Schultage in einer bayerischen Schule, über 8000 sind es bisher, aber ihre Zahl nimmt täglich zu. Das Konzept des Kultusministeriums sieht vor, dass die Schüler zunächst in extra gebildeten sogenannten Willkommensgruppen an den bayerischen Schulalltag gewöhnt werden. 300 gibt es, aber halt nicht überall. Also gehen ukrainische Schüler auch in Deutschklassen – das sind Klassen mit ausländischen Jugendlichen, die kaum Deutsch sprechen und deshalb zunächst ohne Noten primär Deutsch lernen sollen. Später werden sie dann in normale Klassen („Regelklassen“ nennt sie das Ministerium) geschickt.

Bei Svitlana und Dima ist es noch mal anders: Sie sind von Anfang an in der 8a, einer Regelklasse der Mittelschule. Den Grund nennt Schulleiterin Angelika Tuhri-Weiß: Für eine Willkommensgruppe gibt es keinen Lehrer, und die beiden Deutschklassen an der Schule sind mit je 20 Schülern schon voll. 270 Schüler aus 39 Nationen gingen an ihre Schule – jetzt sind es 40 Nationen, die Ukraine kam dazu. Dass Svitlana und Dima in der Mittelschule gelandet sind, sei aber Zufall, erzählt die Schulleiterin. Täglich erreichen sie Anrufe von Gastfamilien, die einen Schulplatz für ukrainische Schüler suchen. Ob Mittelschule oder Gymnasium, ist dann fast egal. Von Noten und Prüfungen sind Svitlana und Dima erst einmal befreit – sie sprechen ja noch kaum Deutsch. In Englisch oder Mathematik aber könnten sie gut folgen, sagt Lehrerin Isabel Franz.

Ohnehin ist der Mittelschul-Besuch für die beiden nur ein Teil ihres Unterrichtsprogramms. Via Smartphone halten sie Kontakt zu ihren bisherigen Lehrern. Seit dem Lockdown ist die Ukraine, so der Eindruck von Martin Schmid, Vorsitzender des Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverbands, im Distanzlernen um Klassen besser als Deutschland. „Bei uns ist es ja schon schwer, eine Ecke zu finden, wo das WLAN funktioniert“, sagt Schulleiterin Tuhri-Weiß. Wie viele Ukrainer noch eine regelmäßige Fernbeschulung haben, ist unbekannt. Sicher ist: Es sind viele. Dima besuchte in der Ukraine eine Art Technik-Schule. Wo seine Lehrer gerade stecken, weiß er nicht, aber mit einer App öffnet sich die Tür zum ukrainischen Schulalltag. Svitlana hat 15 Fächer, neben bekannten wie Geometrie, Kunst oder Informatik gibt es auch Recht, Literatur der Welt, eine Art Gesundheitslehre und ukrainische Literatur. Svitlana ist fast enttäuscht, dass man die ukrainischen Schriftsteller hier nicht so kennt – sie hätten doch so viele „famous writers“, sagt sie. Über die Notengebung in Deutschland waren die beiden erst mal irritiert: 1 bis 6? In der Ukraine gibt es 12 bis 1 – und die 12 ist die Bestnote.

All das hören ihre Mitschülerinnen. Achtklässlerin Rinesa sagt: „Wir profitieren auch, wir haben ja sonst im Alltag nie Englisch gesprochen.“ Jetzt gibt es erste freundschaftliche Kontakte. Eher zögerlich fragen die Schüler nach Details des Krieges. „Man will ja nicht aufdringlich sein“, sagt ein Mädchen. Dass der Krieg die beiden belastet, spüren sie aber. Einmal kam Svitlana weinend in die Schule, sagt eine Mitschülerin. Die Gräuel im Kiewer Vorort Butscha haben die Jugendlichen entsetzt. Dima holt sein Handy, zeigt Nahaufnahmen von Leichen. Svitlana erzählt von russischen Bekannten ihrer Familie, die einfach den russischen Angriffskrieg abstreiten. Es sei einfach „abscheulich, dass sie uns nicht glauben“. Dann zeigt sie noch mal die Fotos ihrer zerstörten Schule, die ihr zugeschickt wurden, als sie schon in Deutschland war. „Meine Schule ist kein Militärgebäude“, betont sie.

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