München – Gleich zu Beginn räumt Julian Nida-Rümelin mit einem Irrglauben auf. „Es gibt in Deutschland nicht so viele Akademiker, wie man immer meint.“ Der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister der SPD betont, dass das Studium zumindest den Absolventenzahlen nach keinen höheren Stellenwert hat. „Nur 20 Prozent der Menschen haben einen akademischen Abschluss. Die meisten Leute hier in Deutschland sind Facharbeiter.“ Wenn sich die heutigen Schüler dessen bewusst wären, würden sie doch viel eher eine Berufsausbildung anstreben. Davon ist der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats überzeugt.
Das Wertebündnis Bayern hat gestern in München eine Initiative zur „Wertschätzung beruflicher Bildung“ gestartet. Sechs Lehrlinge, darunter Skispringerin Katharina Althaus, bekamen eine Bühne, um für ihre Ausbildungen zu werben. Daneben hat der Zusammenschluss Projekte vorgestellt, die Jugendliche in der Mittelschule auf das Arbeitsleben vorbereiten, das Demokratieverständnis von Auszubildenden fördern, Werte wie Empathie und Toleranz vermitteln oder die Integration von Migranten am Arbeitsmarkt verbessern sollen.
„Eine Herzensangelegenheit“ sei das für die Vereinigung, betont Gastgeberin Gerti Oswald, Geschäftsführerin der Bayerischen Industrie- und Handelskammer. „Eine Lehre fördert nicht nur die geistige Kompetenz, sondern auch Herz und Charakter.“
Das hat auch Markus Wasmeier erlebt. Der ehemalige Skirennläufer absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Da war er schon längt deutscher Schülermeister im Riesenslalom. Ursprünglich wollte der spätere Olympiasieger von 1994 eine Lehre bei einem Schreiner machen. Aber dann hätte er im Winter zum Skifahren nicht frei bekommen. So trat er mit Freuden in die Fußstapfen seines Vaters, eines Lüftlmalers. „Etwas zu erschaffen, was man sieht und was bleibt, ist ein super Gefühl.“
Auf seinem Freilichtmuseum in Schliersee (Kreis Miesbach) hat Markus Wasmeier alle Häuser selbst saniert. Sein Wunsch: dass ein Handwerker das gleiche Ansehen hat wie ein Rechtsanwalt. „Da sind auch die Eltern gefragt, diese Werte den Kindern zu vermitteln.“ Doch die bevorzugten oft ein Studium, weil sie wollen, dass es der Nachwuchs gerade finanziell einmal besser hat, erklärt Landtagspräsidentin Ilse Aigner. Die CSU-Politikerin, die selbst gelernte Fernsehtechnikerin ist, hält das System der Berufsausbildung für elementar wichtig: „Die breite Palette an Ausbildungsbetrieben ist fundamental für den Wirtschaftsstandort Bayern.“
Nida-Rümelin vom Ethikrat wirbt darum, den Jugendlichen in der Berufswahl zu vertrauen, Studium und Ausbildung als gleichwertig anzusehen. Auch Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, ist zu Gast am Campus der BIHK.
Die Geschäftsführerin des Brauhauses Aying (Landkreis München) kann gar nicht oft genug betonen, wie hart sie der Fachkräftemangel während der Coronazeit getroffen hat. Sie appelliert an die jungen Leute, bei der Berufswahl auf die persönlichen Talente zu achten: „Dann ist es, egal was man macht, ein erfülltes Leben.“