München – Henriette Seydel (28) sitzt alleine mit ihrem kleinen Johann auf der Rutsche eines Spielplatzes in Neuhausen. Alleingelassen, so fühlt auch sie sich manchmal. Denn seit September sucht die Mutter einen Betreuungsplatz für ihren 13 Monate alten Sohn – bisher vergeblich. Sie verbringt ihre Zeit damit, im Internet nach freien Plätzen zu suchen, bei Kitas anzurufen, sich in Wartelisten eintragen zu lassen. Das kostet Kraft: „Ich bin müde und wütend zugleich“, sagt Seydel. „Mütend“, nennt sie das.
Die Vergabe für städtische Kita- und Krippenplätze beginnt regulär mit der Anmeldung bis März eines Jahres. Bis September vergeben die Kitas die Plätze dann. Im Moment läuft das Verfahren noch, die Stadt bittet Eltern um Geduld. Doch bis September kann Seydel eigentlich nicht warten. Schon jetzt musste sie ihre Promotion von 35 auf zehn Stunden pro Woche runterfahren, denn auch ihr Mann arbeitet Vollzeit. Deshalb sucht sie für ihren kleinen Johann seit Monaten unabhängig von den regulären Fristen auf dem Portal der Stadt München nach freien Krippen.
Denn Eltern haben auch ganzjährig die Chance, einen Platz zu ergattern. Werden kurzfristig Kapazitäten frei, besetzen die Kitas laufend nach – so zumindest die Theorie. Seydel hatte bisher kein Glück. „Mich ärgert, dass vor allem Frauen im Jahr 2022 immer noch beruflich zurückstecken müssen, weil es zu wenig Betreuungsplätze gibt“, sagt sie. Eigentlich stünde jedem Kind ab einem Jahr laut Gesetz ein Betreuungsplatz zu.
Im Austausch mit zahlreichen weiteren frustrierten Eltern hat Seydel nun einen Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) geschrieben. Darin beklagt sie die knappe Betreuungssituation und fordert einen Ausbau der Kita-Plätze.
Aber gibt es wirklich zu wenig Plätze? Die Stadt hat in den vergangenen zehn Jahren das Krippen- und Kitaangebot um mehr als 20 000 Plätze erweitert – im Moment bieten städtische Horte, Krippen, Kitas und Co. rund 100 000 Plätze. Gleichzeitig ist aufgrund des starken Zuzugs auch die Nachfrage entsprechend gestiegen. Von allen Kindern unter drei Jahren, die Anspruch auf einen Krippenplatz haben, kann die Stadt im Moment 52 Prozent versorgen – bei Kindern im Kindergartenalter immerhin 98 Prozent. Nicht alle, die Anspruch haben, melden sich tatsächlich an – deshalb schätzt die Stadt den Mangel als gering ein.
Henriette Seydel nutzt diese Einschätzung bisher nichts – denn rund um ihren Stadtteil Neuhausen bekommt sie nur Absagen. Die Situation kann von Stadtteil zu Stadtteil unterschiedlich sein. In manchen Fällen müssen Eltern einen weiten Weg für die Kita einplanen: Die Stadt hält eine Anfahrtszeit mit Auto, Bus oder Bahn von bis zu 30 Minuten für vertretbar.
„Die Situation ist angespannt“, bestätigt Chris Hollmann, der Vorstand des Gemeinsamen Kindergartenbeirats, einer Elternvertretung. Das liege aber nicht an mangelndem Engagement der Stadt, sagt er, sondern an fehlendem Personal. Bis Ende vergangenen Jahres fehlten in Münchner Kindertageseinrichtungen 351 Fachkräfte – das entspricht einem Anteil von 12,6 Prozent. Die Stadt versucht deshalb ausländische Kräfte anzuwerben – doch Fachkräfte sind nicht immer leicht zu finden.
Für Henriette Seydel heißt das jetzt erst mal: warten und hoffen auf einen freien Platz.