München/Berlin – „Evangelisch oder katholisch?“ – das ist lange Zeit eine Gretchenfrage in Deutschland gewesen und meinte sehr unterschiedliche Lebenswelten. Das hat sich längst geändert. Doch trotz vermehrter Kirchenaustritte in jüngster Zeit waren vor gut einem Jahr noch immer 51 Prozent der deutschen Bevölkerung römisch-katholisch oder evangelisch. Doch im Frühjahr 2022 befindet sich in Deutschland erstmals seit Jahrhunderten keine Mehrheit der Menschen mehr im Schoß der beiden großen Kirchen. „Es ist eine historische Zäsur, da es im Ganzen gesehen seit Jahrhunderten das erste Mal in Deutschland nicht mehr ,normal’ ist, Kirchenmitglied zu sein“, sagt der Berliner Sozialwissenschaftler Carsten Frerk von der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland.
„Früher haben die Kirchen in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hineingewirkt“, sagt der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Uni Münster. In den 50er- Jahren seien sie im Alltag der Menschen präsent gewesen, bestimmten die Familien-, Moral- und Wertvorstellungen und stabilisierten die neu entstehende politische Ordnung. Seit den 60ern mit wirtschaftlichem Aufschwung, sich verändernden Familienstrukturen und der Emanzipation der Frauen setzte der kulturelle Umbruch ein, wie Pollack ausführt. „Autoritätswerte verloren an Bedeutung.“ Der Niedergang der Volkskirche begann. Trotzdem: Noch 1990 waren mehr als 72 Prozent der Bevölkerung in einer der großen Kirchen Mitglied. Verloren die Kirchen in den Jahren 2000 bis 2015 pro Jahr etwa 0,6 bis 0,8 Prozentpunkte am Bevölkerungsanteil, so sind es seit 2016 etwa 1,0 bis 1,4 Prozentpunkte. Inzwischen ist nun auch der eine Punkt über der 50-Prozent-Marke verloren gegangen.
Die Evangelische Kirche in Deutschland gab eine Hochrechnung ab, Ende 2022 wohl nur noch etwa 19,7 Millionen Mitglieder zu zählen (Vorjahr: 20,2 Millionen). Prognosen sehen zudem derzeit noch etwa 21,8 Millionen Katholiken (Vorjahr: 22,2 Millionen). Die Motive zum Austritt reichen vom Ziel, Steuern sparen zu wollen, bis zu Protest gegen die Amtskirche und ihren Umgang mit Missbrauchsfällen. Regional gebe es große Unterschiede, sagt Robert Stephanus vom Religionswissenschaftlichen Medien- und Informationsdienst. In Bayern sei es anders als in Niedersachsen oder im Gebiet der früheren DDR, wo die Mitgliederzahl der Evangelischen Kirche zwischen 1950 und 1989 von fast 15 Millionen auf vier Millionen sank, die der Katholiken sich auf eine Million halbierte.
Mehr als 40 Prozent Konfessionslose, die natürlich nicht ungläubig sein müssen, gibt es inzwischen in Deutschland. Die weiteren Einwohner sind zum Beispiel Muslime und Juden. Trotz rückläufiger Kirchenmitgliederzahlen stimmen laut Allensbach-Studie aber 70 Prozent der Befragten zu, dass das Christentum zu Deutschland gehöre, bei den Konfessionslosen immerhin 55 Prozent. 2022 gibt es weniger als 22 Millionen katholische und weniger als 20 Millionen evangelische Kirchenmitglieder. Eine Projektion der Kirchen geht davon aus, dass 2060 nur noch 30 Prozent katholisch oder evangelisch sein werden. dpa