Die Karwoche ist die letzte Woche der Fastenzeit, die Woche der Klage und des Kummers. In diesem Jahr ist sie für zahllose Menschen mit viel Leid, Tod, Krankheit und Einsamkeit verbunden. Kaum scheint ein vorläufiges Ende der Corona-Pandemie in Sicht, stürzt der Krieg in der Ukraine die Menschen in Angst. Wir sprachen mit dem Diakon Andreas Müller-Cyran, Leiter der Abteilung Krisenpastoral im Erzbischöflichen Ordinariat München und Gründer des ersten Kriseninterventionsteams.
Herr Müller-Cyran, Sie sind absoluter Fachmann, was Krisen anbelangt. Es gibt viele Menschen, die derzeit in einer dauerhaften Krise stecken. Wie kann man mit diesen schlechten Nachrichten umgehen? Was raten Sie?
Ich rate zu einem sowohl-als-auch. Einerseits die Nachrichten – auch die schlechten –zur Kenntnis nehmen. Wir kommen ja nicht drum herum. Wir können uns nicht unsere Realität selber basteln, sondern leben in der Welt, wie sie ist. Das Schlechte ist da, das Schlimme und Bedrohliche – dem müssen wir uns stellen.
Und die andere Seite?
Dass ich das auf einem Boden tue von Sicherheit und Halt. Dass ich ein Grundvertrauen habe darin, dass diese Welt gegen allen Anschein doch letztlich eine gute Welt ist. Das heißt: Die persönlichen, privaten, gesellschaftlichen Krisen nicht leugnen, aber zu wissen, dass sie letztlich nicht die Oberhand behalten. Spirituell kann man es so sagen: Dass ich gewollt bin und – so die Zusage Gottes – dass die Welt nicht so bleibt, wie sie gerade ist. Dass es einen tragenden Grund gibt, auf dem ich mich bewege.
Sie sind Diakon. Was kann und muss Kirche in dieser Situation leisten?
Beides erfahrbar machen: Nicht die Augen abwenden vom Elend und der Angst und andererseits deutlich machen: Wir sind von Gott gewollt, es gibt eine letzte Zusage Gottes an uns.
Wir befinden uns in der Karwoche. Auf Dauer?
Es ist keine immerwährende Karwoche. Die Karwoche, die wir gemeinschaftlich als Kirche und Welt jetzt begehen, hält sich nicht an die Karzeiten meines Lebens. Wir machen im Leben Kartage durch – unabhängig vom Kirchenjahr. Und da hat für mich der Karsamstag eine besondere Bedeutung.
Welche?
Karsamstag ist im Grunde das „Nichtmehr“ des Lebens eines uns zentralen Menschen – hier Jesus Christus. Und auf der andere Seite aber noch nicht die Auferstehung. Das ist mit Bedacht keine Geschichte, die erzählt, dass mit einem Schlag alles anders ist. Da geht es um die Dämmerung, da dämmert einem was. Dieses Dämmern darf länger dauern als die Zeit, die uns die Liturgie in der Osterzeit einplant.
Also so etwas wie eine längere Atempause?
Das muss gar nichts mit Atem zu tun haben. Es kann sein, dass einem vor Schreck der Atem stockt. Es ist eine Zeit der Auflösung aller Strukturen, es stellt alles infrage. Das ist eine Zeit, die nicht leicht ist und das Auflehnen des Menschen gegen den Tod verdichtet.
Sie haben vor 20 Jahren das Kriseninterventionsteam aufgebaut. Wie viele Notfallseelsorger gibt es?
Nur für das Erzbistum München und Freising sind es 127. Im übertragenen Sinne sind wir als Notfallseelsorger am Karsamstag tätig. Notfallseelsorge ist das, was am Karsamstag den Menschen passiert.
Gibt es auch Einsätze, die jetzt mit dem Krieg in der Ukraine zu tun haben?
Gelegentlich schon. Wenn Geflüchtete, die zu uns gekommen sind, mit Todesnachrichten aus der Heimat konfrontiert werden. Wenn der Mann, der Bruder, der Vater im Krieg ums Leben gekommen ist.
Was können Sie als Notfallseelsorger tun?
Leider können wir den Verstorbenen nicht ins Leben zurückholen. Eine substanzielle Hilfe ist in diesem Sinn nicht möglich. Aber wir können doch dazu beitragen, dass die Hinterbliebenen die Erfahrung machen: In allem Schlimmen geht das Leben weiter. Es wachsen Kräfte, von denen wir vorher kaum eine Ahnung haben. Deshalb ist es für uns so wichtig, die betroffenen Menschen nicht alleine und sich selbst zu überlassen. Trotz aller sprachlichen Barrieren spüren die Menschen, dass andere ihre Not und Ohnmacht teilen. Und das kann den Blick und die Wahrnehmung dafür öffnen, dass so etwas wie Auferstehung, die wir heute ja nicht mehr biologisch-medizinisch deuten können, Leben über den Tod hinaus bedeutet.
Interview: Claudia Möllers