Streit um Getreide: Teller oder Trog?

von Redaktion

München – Während Deutschland über Tempolimits und autofreie Sonntage debattiert, rollen auf dem Acker schon wieder die Traktoren – mit Dieselpreisen auf Rekordniveau. „Die Bauern können leider nicht einfach zu Hause bleiben. Die Frühjahrskulturen müssen in die Erde“, sagt Johann Graf vom Bayerischen Bauernverband (BBV). Dieselpreis hin oder her.

Die Folgen des Ukraine-Kriegs sind längst auch in der bayerischen Landwirtschaft angekommen. Teurer Diesel und Dünger, knappes Saatgut und die massiven Preisturbulenzen auf dem globalen Agrarmarkt – all das trifft auch Bayerns Bauern. Und neben all dem läuft die Debatte, welcher Beitrag auch hier in Bayern und Deutschland geleistet werden kann, um eine Hungerkrise in Afrika und anderen von russischen oder ukrainischen Importen abhängigen Regionen zu verhindern.

Mehr Getreide auf den Teller statt in den Futtertrog ist eine der Forderungen, die in den vergangenen Wochen vor allem im grünen Lager wieder laut wurden. Bundesagrarminister Cem Özdemir ließ im „Spiegel“ verlauten, weniger Fleisch zu essen, wäre ein Beitrag gegen Putin. Ein System, in dem rund 60 Prozent des Getreides im Futtertrog landen, sei nicht nachhaltig. „Teller first“ müsse die Devise deshalb lauten, sagte Özdemir gestern.

Doch so einfach funktioniert die Rechnung nicht, heißt es beim Bayerischen Bauernverband. Ein Blick auf die Zahlen: Auch in Bayern wird knapp die Hälfte des angebauten Weizens als Tierfutter verwendet. Wintergerste und Körnermais beispielsweise werden zudem fast ausschließlich für den Futtertrog angebaut. Doch Bauernpräsident Walter Heidl betont, die Symbiose aus tierischer und pflanzlicher Nahrungsmittelproduktion sei wichtig. Er argumentiert: Bei der Erzeugung von einem Kilogramm pflanzlicher Lebensmittel fielen rund vier Kilo für den Menschen nicht essbare Biomasse an – die nur von Tieren verwertet werden könne. Auch die vielen Grünlandflächen in Bayern könnten nur durch Wiederkäuer effektiv genutzt werden. Der dabei entstehende Dünger sei wichtig für die Kreislaufwirtschaft. „Ein Entweder-oder funktioniert nicht, wir brauchen ein Sowohl-als-auch“, sagt BBV-Marktberichterstatter Andreas Löbhard. Zumal gerade bei Rind- und Geflügelfleisch die Nachfrage in Deutschland immer noch höher sei als die heimische Produktion. Im Gegensatz zum Weizen, wo der Selbstversorgungsgrad in Bayern bei 117 Prozent liegt.

Angesichts der Turbulenzen auf den Agrarmärkten hätte der Bauernverband genau wie Bayerns Agrarministerin Michaela Kaniber (CSU) gerne eine Freigabe sogenannter Ökologischer Vorrangflächen für den Nahrungsmittelanbau gesehen. Die EU-Kommission hat den Mitgliedsländern diese Möglichkeit gegeben. Das Potenzial der für den Getreideanbau günstigen Böden in Deutschland müsse genutzt werden, heißt es beim BBV. Schließlich sei hier der Ertrag pro Hektar mehr als doppelt so hoch wie im globalen Durchschnitt.

Dagegen hatte sich Özdemir aber gewehrt – mit Verweis auf die negativen Auswirkungen für den Artenschutz, wenn auf Brachflächen nun wieder Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kämen. Am Ende ging ein Kompromiss durch den Bundesrat: Nun dürfen auf einer Fläche von insgesamt gut einer Million Hektar zumindest Gras und andere Pflanzen gemäht und als Tierfutter verwendet werden. DOMINIK GÖTTLER

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