Lebensretter mit 88 Jahren

von Redaktion

München/Pähl – Die Bedingungen waren ideal zum Angeln: sonnig und windstill, wenn auch etwas kühl. Der 14. Mai 2021 war ein herrlicher Frühlingstag. Elmar Wilhelm, damals 82 Jahre alt, machte sich schon früh auf den Weg zum Ammersee. Gegen 7 Uhr ruderte er auf den See hinaus, ankerte und warf seine Angel aus. Eine Renke biss an. Der Senior, der im Pähler Ortsteil Fischen (Kreis Weilheim-Schongau) lebt, war etwa anderthalb Stunden auf dem Wasser, als er plötzlich aus seinem Boot fiel. „Mir ist bis heute rätselhaft, wie das passiert ist“, sagt er. Elmar Wilhelm fand sich im Wasser wieder, das an diesem Tag zehn Grad kalt war. Zurück ins Boot schaffte er es trotz mehrerer Versuche nicht. „Ich wär heute nicht mehr hier, wenn der Franz mich nicht gerettet hätte“, sagt er.

Franz Gregori ist ein befreundeter Angler aus Pähl, die Ruderboote der beiden Männer liegen nebeneinander im Ammersee, man kennt sich. Auch Gregori, damals 88, wollte den Morgen zum Angeln nutzen. „Ich war ein bisserl später dran als sonst“, erinnert er sich. Er machte sein Boot bereit und packte Köder ein, dann ruderte auch er auf den See hinaus.

Er war noch etwa 150 Meter von Elmar Wilhelms Boot entfernt, als er bemerkte, dass niemand darin saß. Also ruderte er zu seinem Freund. „Gott sei Dank hat er gesehen, dass das Boot leer ist“, sagt Wilhelm. „Ich habe zwar um Hilfe gerufen, aber Franz hört nicht so gut.“ Beim Verunglückten angekommen, wurde Gregori schnell klar, dass er ihn nicht ins Boot ziehen kann. „Da wären wir alle beide ins Wasser gekippt. Also hab’ ich zu ihm gesagt: Häng dich an mein Boot und ich ruder dich ans Ufer!“

Die beiden Männer waren etwa 400 Meter vom Steg entfernt. „Ich hab ihm immer wieder gesagt: ,Halt dich bloß fest!‘“, erinnert sich der Retter. Und während sich Elmar Wilhelm mit ganzer Kraft an das kleine Ruderboot klammerte, ruderte Franz Gregori, so schnell er konnte. Trotzdem brauchten sie etwas mehr als 20 Minuten, bis sie endlich das rettende Ufer erreichten. „Viel länger hätte es nicht mehr dauern dürfen“, sagt Elmar Wilhelm. Der Rettungsdienst, den ein paar junge Leute am Ufer bereits alarmiert hatten, maß eine Körpertemperatur von 34 Grad bei dem Senior.

Und während der entkräftete und unterkühlte Angler ins Herrschinger Krankenhaus gebracht wurde, ruderte Franz Gregori noch einmal auf den Ammersee hinaus. Er schleppte Elmar Wilhelms Ruderboot ans Ufer. Die Rettungskräfte fragten ihn, ob sie ihn nicht auch ins Krankenhaus bringen sollten. Doch Franz Gregori winkte ab und fuhr heim nach Pähl. Völlig k.o. sei er gewesen, erinnert sich seine Frau.

Elmar Wilhelm, der nach einem kurzen Aufenthalt auf der Intensivstation das Krankenhaus wieder verlassen durfte, wollte, dass sein Retter für seine selbstlose Tat belohnt wird. „Er hat mir das Leben gerettet. Da muss jemand was tun.“ Also meldete er sich bei Pähls Bürgermeister Werner Grünbauer. Und tatsächlich wird Franz Gregori mit nun 89 Jahren als Retter geehrt: mit der „Öffentlichen Anerkennung für eine Rettungstat“. In der Laudatio von Regierungspräsident Konrad Schober heißt es: „Durch Ihr beherztes und umsichtiges Handeln haben Sie das Leben dieses Anglers gerettet.“ KATHRIN BRACK

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