Würzburg – Er soll den Bezug zur Realität verloren haben – und das schon vor Jahren. Wahnvorstellungen, Halluzinationen, Stimmen im Kopf: Warum im vergangenen Juni ein Mann in Würzburg mit einem mehr als 30 Zentimeter langen Küchenmesser drei Frauen tötete und neun Menschen verletzte, versucht das Landgericht Würzburg seit Freitag herauszufinden. Die Generalstaatsanwaltschaft München wirft dem Beschuldigten unter anderem Mord in drei Fällen, versuchten Mord in elf Fällen und gefährliche Körperverletzung vor.
Schon am ersten Prozesstag wird klar: Es wird ein langwieriges, nervenaufreibendes Verfahren, in dem vor allem die Aussagen der Opfer und Tatzeugen die Vorwürfe der Generalstaatsanwaltschaft untermauern sollen. Demnach handelte der Flüchtling aus Hass auf Deutschland, er fühlte sich ungerecht behandelt.
Während der Attacke soll er mindestens zweimal den Ausruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) geschrieen haben. Weitere Hinweise auf Extremismus fanden die Ermittler aber nicht. „Zu keinem Zeitpunkt hat es terroristische Motive gegeben“, versichert sein Anwalt. Fraglich ist, ob dem Mann Mordmerkmale wie Heimtücke und niedrige Beweggründe nachzuweisen sind. Und unklar ist, ob die Angehörigen eine Antwort auf ihre Frage bekommen werden, warum der seit Jahren psychisch auffällige Mann nicht längst in einer geschlossenen Psychiatrie saß.
Oberstaatsanwältin Judith Henkel schildert zu Prozessbeginn die dramatischen Minuten am Tattag, dem 25. Juni 2021. Der Beschuldigte hatte ein Kaufhaus betreten, sich ein Messer gegriffen und wahllos auf Menschen eingestochen.
Mit unvorstellbarer Wucht soll der Somalier das Messer immer wieder in die ihm unbekannten Menschen gerammt haben. Drei Frauen im Alter von 24, 49 und 82 Jahren sterben. Vier weitere Frauen, ein damals elfjähriges Mädchen und ein 16-Jähriger überleben schwer verletzt. Hinzu kommen drei Leichtverletzte.
Vor Gericht will der etwas verloren wirkende Beschuldigte – er nimmt Medikamente wegen seiner psychischen Erkrankung – zunächst nichts zu der Attacke sagen. Verteidiger Schrepfer versichert, sein Mandant habe sich für die Tat entschuldigt und empfinde Mitgefühl. Der vermutlich 33-Jährige soll seine Opfer willkürlich ausgesucht haben, „um seinem Plan entsprechend möglichst viele Menschen zu töten und sich für die ihm widerfahrene Ungerechtigkeit zu rächen“, betont Henkel. „Er war trotz der bei ihm vorliegenden paranoiden Schizophrenie von Rachsucht beherrscht.“
Fast 30 Verhandlungstage sind angesetzt. lby