KOLUMNE

VON SUSANNE BREIT-KESSLER* Lebe in Frieden!

von Redaktion

„Lass mich in Frieden.“ Ein Satz, den man ermüdet sagt. Dann, wenn alles zu viel ist und man nicht länger belästigt werden möchte. Von dem Herrn auf der Parkbank, dem so sehr an einem Austausch über die vermeintlich lästigen Kläffer auf dem Rasen gelegen ist, der Nachbarin im Café, die den neuesten Klatsch aus dem Mietshaus besprechen will, oder dem Freund, der die ewig gleichen Probleme am Arbeitsplatz durchhecheln möchte, die er offensichtlich nicht zu ändern gedenkt. Lass mich in Frieden. Manchmal braucht man solche Sätze, um wieder zur Ruhe zu kommen und aufatmen zu können. Lass mich in Frieden, das geht über kurzfristige und mehr als verständliche Abwehr zum Schutz des eigenen Seelenfriedens hinaus. Es kann auch heißen, behellige mich nicht mit Unangenehmem, bleib’ mir mit unerquicklichen Nachrichten vom Leib. Verschwinde mit allem, was mein Wohlbefinden stört, was mich verunsichert. Nichts mehr über den Krieg, seine Opfer und die Täter, kein Wort über das Klima, über Inflation und Heiz- oder Lebensmittelkosten. Natürlich muss man ab und zu im Wortsinn abschalten, um neue Kräfte zu sammeln. Aber als Grundhaltung taugt eine biedermeierliche Flucht in desinteressierte Spießer-Idylle nicht. Kleine Störungen gehören wie massive Konflikte zum Leben dazu. Man kann sie nicht ohne Schaden für sich und andere auf Dauer verdrängen. Sie müssen konstruktiv bearbeitet werden. Trotzdem hat der Satz seinen Ort. Lass mich in Frieden. Ein Leben in Friedlosigkeit ist grausam. Menschen brauchen inneren und äußeren Frieden, um ihr einmaliges, unverwechselbares Dasein für sich gestalten zu können. Die deutsche Band Lupid hat ein Lied komponiert mit dem Titel „Lass mich in Frieden“ – eine sehr komplexe Beziehungsgeschichte mit einer dominanten Person, die durch Lügen und Intrigen erhebliches Unheil anrichtet und besser aus dem gemeinsamen Leben verschwinden sollte. Vollkommen nachvollziehbar. So jemand ist, vorsichtig formuliert, weder privat noch gesellschaftlich oder national ein heilsamer Umgang. Lass mich in Frieden. Lass mir meinen Frieden. Dieser Wunsch formuliert ein Grundrecht. Wer ihn missachtet, missachtet die Mitmenschen. Was den inneren und äußeren Frieden anderer Menschen bedroht und ihn gar auslöscht, das muss man mit aller Deutlichkeit beim Namen nennen. Gegen das oder den sollte man sich auch mit aller Entschiedenheit wehren. Endlich. Damit die Gewalt gegen Seele und Körper ein Ende hat.

* Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Bayerischen Ethikrates

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