Fünf Generationen Sendling

von Redaktion

Münchner Miteinander: Zwischen Anni Braband und ihrer Ur-Ur-Enkelin liegen 100 Jahre

VON NADJA HOFFMANN

München – Als Anni Braband geboren wurde, war der Erste Weltkrieg noch nicht lang vorbei, die Spanische Grippe war gerade am Abklingen. Die Sendlingerin kam 1921 zur Welt: Heuer im Juni feiert sie ihren 101. Geburtstag. „Das ist schon besonders“, sagt die elegante Seniorin, und ihre Augen leuchten. Bei dem ganz besonderen Geburtstagsfest wird einer der jüngsten Gäste die kleine Luisa sein. Anni Brabands Ur-Ur-Enkelin ist vor eineinhalb Jahren in eine ganz andere Welt gekommen. Eine Welt, die von Corona geprägt wurde – und in der der dritte Weltkrieg leider nicht mehr undenkbar ist.

Zwischen Anni und Luisa liegen 100 Jahre und fünf Generationen einer Familie, die ein starkes Band verbindet. „Wir leben alle in Sendling“, erzählt Luisas Mutter Yvonne Katte (30). Und das immer schon. So war es vor der Pandemie leicht, sich oft zu sehen und die Familienrituale zu pflegen. Wie der Feuerzangenbowle-Abend in der Adventszeit: „Dazu hab ich immer eingeladen“, erzählt Anni Brabands Tochter Inge Fuentes-Martinez (76). Entsprechend freuen sich alle schon darauf, wenn die gemütliche Runde heuer stattfinden kann. „Das hoffe ich doch sehr“, sagt Fuentes-Martinez, die 1945 geboren wurde.

Die Erinnerungen an ihre Kindheit im München der Nachkriegszeit sind trotz allen Entbehrungen schön, erzählt die 76-Jährige. „Auf dem Weg zur Schule wusste man genau, durch welche Straße man besser nicht ging, weil dort alles noch kaputt war.“ Viel Geld gab es damals nicht. „Trotzdem hatte ich immer schöne Kleider.“ Anni Braband ist gelernte Schneiderin – ein Beruf, der vor allem in der kargen Zeit von Vorteil war.

Blickt Inge Fuentes-Martinez zurück, denkt sie auch an Zeiten, in denen Frauen einen viel schwereren Stand hatten, nur mit Zustimmung des Mannes arbeiten durften oder bei der Bank seine Unterschrift brauchten. Vieles von dem, wofür sich die Frauen damals starkgemacht haben, kam der nächsten Generation zugute.

Andrea Flechtenmacher, Anni Brabands Enkelin, kam 1966 zur Welt. Unvergessen für sie: Gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Clique allein nach Jesolo fahren. Gerade mal 15 Jahre alt und auf dem Moped! „Das war der schönste Urlaub meines Lebens“, erinnert sich die 56-Jährige mit einem Strahlen. Damals hatte sich ihre Mutter schon ein bisserl Sorgen gemacht, aber ihrer Tochter vertraut. Es war klar: Jeder steht zu seinem Wort. Da passiert nichts, was nicht ausgemacht ist. Dabei blieb es. Fast. „Wir mussten eher heimfahren“, erzählt Andrea Flechtenmacher und lacht. „Uns ist das Geld ausgegangen.“

Und Vertrauen ist es auch, was heute das Band zwischen der Sendlingerin und ihren Töchtern Yvonne (30) und Cristina (24) – Annis Ur-Enkelinnen – so stark macht. Nicht ehrlich sein und damit gefährden, dass etwas kaputt geht: „Das würde ich nie machen“, sagt die schwangere Yvonne Katte. Im Juli bringt sie ihr zweites Kind zur Welt. Noch ein Familienfest, auf das sich alle freuen. 101 Jahre nach Anni Brabands Geburtstag.

Jahr der Zeitenwende

1921 – das Jahr, in dem Anni Braband geboren wurde, war ein gutes für München. Denn nach der langen Pause wegen des Ersten Weltkriegs konnte erstmals wieder die Wiesn stattfinden. Zuvor fiel das Oktoberfest mehrere Jahre aus. 1921 war Deutschland eine Republik, die Jahre des Wirtschaftsaufschwungs, die Goldenen 20er, standen bevor. In den Kinos liefen Stummfilme. Denn: Der Tonfilm wurde erst 1921 erfunden. In diesem Jahr starb auch Bayerns König Ludwig III.

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