NATALIAS NEUANFANG

Unerträgliches Schweigen

von Redaktion

Am 24. Februar um 5:02 Uhr wachte ich durch das Geräusch von zwei Explosionen auf und rief in Panik meinen Vater an. Unter Tränen sagte ich ihm, dass die Explosionen mich aufgeweckt hätten, und er bat mich ruhig, mir keine Sorgen zu machen: „Im 21. Jahrhundert wird der Krieg nicht lange dauern – zwei bis drei Tage und alles wird enden.“ Heute ist der 72. Kriegstag. Ich bin sicher, mein Vater hat mich nicht nur getröstet. Er hatte sich wirklich nicht vorstellen können, dass der Krieg so lange dauern würde. Keiner der Ukrainer konnte sich das vorstellen.

Unser Land steht ständig unter Beschuss. Odessa wird die zweite Woche bombardiert. Sie zielen auf die Brücke, über die Waffen aus dem Ausland in die Region geliefert werden, aber aus irgendeinem Grund bombardieren sie Häuser, Kirchen, Getreidespeicher, Friedhöfe… Am Dienstag wurde ein 13-jähriger Junge durch einen Raketeneinschlag in einem Wohnhaus getötet. Er war aus dem Haus gerannt, um älteren Nachbarn mitzuteilen, dass Fliegeralarm ausgerufen wurde. Seit Beginn der groß angelegten Invasion sind 220 Kinder gestorben, mehr als 400 wurden verletzt. fünf Millionen Menschen mussten evakuiert werden. Und wie viele Schicksale sind zerstört, wie viele Kinder haben ihre Kindheit verloren? Wie kann eine Nation, die mit Puschkins Gedichten, Bulgakows Romanen, Tschechows Geschichten, Tschaikowskys Romanzen und Rjasanows Filmen aufgewachsen ist, schweigen und dieses Massaker unterstützen? Denn in der aktuellen Situation ist jeder, der schweigt ein Schweiger „dafür“ – nicht „dagegen“. Es gibt sogar einen Begriff dafür: Gleichschaltung, feige Anpassung der Bevölkerung an das politische Regime, in dem sie existiert. Obwohl der Begriff Deutsch ist, erklärt er am besten das Bewusstsein des heutigen Russlands.

Am Wochenende luden die Gründer der UA Coordination Initiative, über die ich bereits geschrieben habe, alle Beteiligten zum Abendessen in ihr Büro ein. Ich werde dieses Treffen nie vergessen. Zwei junge Männer haben ein dezentrales Vermittlungssystem entwickelt, um ukrainische Flüchtlinge in Not mit denjenigen in Kontakt zu bringen, die ihnen helfen können. Immer mehr Münchner Freiwillige schließen sich an – mittlerweile ist es ein riesiges Team. An dem Abendessen nahmen etwa 20 Personen teil, die seit einem Monat zusammenarbeiten, miteinander reden, sich aber noch nie gesehen haben. Call-Center-Mitarbeiter, Helfer bei der Wohnungssuche, Computerspezialisten… Alle opfern ihre Freizeit. Anastasia, eine 27-jährige Russin, die seit einigen Jahren in München lebt und viele Verwandte in der Ukraine hat, sagte: Um all diesen Horror zu überleben, muss ich etwas tun. Hier helfe ich gerne. Ich kann nicht wegbleiben.“ Es war ein sehr liebevolles und warmherziges Treffen und es gibt mir Hoffnung auf Frieden.

Artikel 5 von 11