Saulgrub – Donnerstagabend gegen 21 Uhr: Über dem Dorf Saulgrub (Kreis Garmisch-Partenkirchen) entlädt sich eine lokale Gewitterzelle. Der Deutsche Wetterdienst wird später feststellen, dass über 70 Liter Regen pro Quadratmeter auf den Ort niederprasseln. Das ist zu viel für die erst 2016 als Ortsumgehung gebaute Unterführung der B 23, die östlich des Dorfes vorbeiführt. In der von Betonwänden eingefassten Senke staut sich das Wasser – zwei Autos und ein Kleinlaster bleiben stecken.
„Um Viertel nach 9 Uhr war Land unter“, sagt der Kommandant der Saulgruber Feuerwehr, Georg Sporer junior. Über 250 Meter ist die B 23 überflutet. Der Feuerwehreinsatz wird von Unfällen überschattet: Das Auto eines Feuerwehrmanns wird auf der Anfahrt von zwei umstürzenden Bäumen getroffen, der Mann bleibt aber unverletzt. Auch ein Einsatzfahrzeug wird von Sturzfluten erfasst. Die, die es zur Unterführung schaffen, retten quasi in letzter Sekunde eine Frau. „Ihr Auto war vollgelaufen, sie stand auf dem Fahrzeugdach“, berichtet Sporer. Mit einer Leiter wird sie nach oben gezogen.
Den Einsatz von Tauchern in dem überfluteten Straßenabschnitt muss die Wasserwacht bald wieder abbrechen – sie haben keine Sicht, wegen der starken Strömung herrscht Lebensgefahr. So wird erst am Freitag das ganze Ausmaß des Dramas sichtbar. Über Stunden wird das Wasser abgepumpt – und dann wird das Dach eines Kleinlasters mit polnischem Kennzeichen sichtbar. Als die Wasserwacht mit einem Boot ranfährt und eine Scheibe einschlägt, entdeckt sie im Wageninneren eine leblose Person: Der Fahrer hat es nicht geschafft, sich zu retten. Die Umstände könnten kaum schrecklicher sein. Über sein Handy hatte der Mann wohl noch den polnischen Rettungsdienst angerufen und um Hilfe gebeten. Dies berichtet eine Kontakt stelle der Polizei in Brandenburg.
Die weiteren Umstände wird nun die Kripo Weilheim ermitteln. So wird berichtet, dass das Rotlicht vor der Unterführung zum Zeitpunkt des Unglücks eingeschaltet war. Auch das Staatliche Bauamt Weilheim, das die Unterführung geplant hat, ist mit Fragen konfrontiert. Arbeiten die Pumpen ausreichend? Gab es Probleme mit den Sensoren, die die Pumpen steuern? Christoph Prause, Abteilungsleiter im Bauamt, sagt auch eine Prüfung zu, ob die Anlage insgesamt „ausreichend dimensioniert ist“.
Mit so einem lokalen Extrem-Gewitter hatte jedenfalls niemand gerechnet: Schon in Bad Kohlgrub – von Saulgrub gerade mal drei Kilometer entfernt – waren es statt 70 nur zwölf Liter Regen je Quadratmeter.