Fürstenfeldbruck – In der Ukraine wird eigentlich zwei Mal im Jahr die Mutter geehrt. Neben dem Muttertag spielt auch der Weltfrauentag am 8. März eine große Rolle. Während er hierzulande eher ein Schattendasein führt, hat sich in der Ukraine das Datum als Ehrentag der Weiblichkeit im öffentlichen Bewusstsein dagegen verankert. „Leider können wir dieses Jahr die Feiertage nicht begehen wie gewohnt“, sagt Nina Kalyta, die jetzt im Landkreis Fürstenfeldbruck lebt. „Männer beschenken ihre Mütter, Ehefrauen, Töchter und Freundinnen“, erzählt sie. Auch Tanya Tarhonska kennt diese Tradition. „Den ganzen Tag nichts tun – ich habe mich gefühlt wie eine leibhaftige Königin“, erinnert sich die 40-Jährige an den Weltfrauentag im letzten Jahr, als ihr Mann und die beiden Töchter den gesamten Haushalt schmissen.
Heuer ist alles anders. Am 8. März war in diesem Jahr an feiern nicht zu denken. Die beiden Frauen flohen mit ihren Kindern – Kalyta mit ihrer sechsjährigen Tochter Sasha, Tarhonska mit Katya (13) und Sofia (7) – aus dem Nordwesten von Kiew an die polnische Grenze. Dort trafen sie auf Paul Roh aus Fürstenfeldbruck. Der 46-Jährige hatte sich einer privaten Hilfsinitiative als Dolmetscher angeschlossen. Er kam vor 30 Jahren mit seinen Eltern als Spätaussiedler aus Kasachstan und spricht Russisch. Roh und seine Frau Susi waren sich schnell einig, dass sie Geflüchtete bei sich aufnehmen wollten. Und so brachte er Kalyta, Tarhonska und die Kinder mit nach Fürstenfeldbruck. Sie bezogen im Reihenhaus der Familie das ausgebaute Dachgeschoss und eines der Kinderzimmer. Die beiden Kinder der Rohs – vier und zwei Jahre alt – sind selbstverständlich ein wenig zusammengerückt.
„Wir fühlen uns sehr wohl und sind sehr dankbar“, sagen die beiden Ukrainerinnen. Beide sind Lehrerinnen und haben bereits Arbeit in Willkommensklassen der örtlichen Schulen gefunden. Sie helfen im Haushalt, gehen zum Einkaufen, erkunden die Stadt. Der tägliche Trubel lenkt sie ab vom Heimweh und der Angst um die Daheimgebliebenen.
Doch an Feiertagen wird Kalyta und Tarhonska besonders schmerzlich bewusst, wie weit weg ihre Ehemänner und die anderen Angehörigen sind. Der Muttertag am zweiten Sonntag im Mai darf seit 1999 wieder offiziell im ukrainischen Kalender stehen, erzählt Tanya Tarhonska. „Früher hatte das Fest einen religiösen Hintergrund. Es war Maria, der Muttergottes, gewidmet.“
Grund genug für die Machthaber während des Sowjetregimes, den Tag zu verbieten. Bald nach Erlangung der Unabhängigkeit führte die Ukraine ihn jedoch wieder ein – auch als Zeichen eines neu erwachten nationalen Selbstbewusstseins. „Heute ist der Muttertag nicht mehr religiös geprägt“, sagt Tarhonska. Ähnlich wie in Deutschland wird im Vorfeld in Schulen und Kindergärten gemalt und gebastelt. Manche Klassen drehen mit Hilfe ihrer Lehrer ganze Glückwunsch-Videos. Die Kinder studieren Musikstücke und Gedichte ein. „Letztes Jahr beeindruckte mich meine sechsjährige Tochter mit einem Lied und einem sehr bewegenden Gedicht“, erzählt Nina Kalyta. „Sie hat auch mit ihrem Vater zusammen das Frühstück gemacht und war überhaupt den ganzen Tag über ein sehr perfektes Kind, wie man es sich nur wünsche kann.“
Am kommenden Sonntag wird sie sich mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter über Skype unterhalten. Und hoffen, dass sie die beiden bald wiedersieht und ihnen „Geschenke unter einem friedlichen Himmel“ machen kann, wie die 27-Jährige es ausdrückt. „Hauptsache, alle bleiben am Leben.“