Gans schön dreckig!

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER UND IRENA GÜTTEL

München/Herrsching – Die ersten Gänsetrupps sind in Herrsching schon wieder im Anflug. „Die spähen schon mal die Lage aus“, sagt Herrschings Bürgermeister Christian Schiller. „In ein paar Wochen werden es wieder 200 bis 300 Gänse sein.“ Als Bürgermeister hat er jeden Tag mit anderen Themen zu tun –aber eines kommt in schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr wieder: Die Wildgans, die den Sommer am Ammersee genauso genießt wie der Badegast. Dabei aber deutlich mehr Ausscheidungen hinterlässt.

Schiller hat schon vieles versucht, um dem Gänsekot-Problem Herr zu werden. Sogar einen Seeadler wollte er den Sommer über mieten, um die Gänse aus der Herrschinger Bucht fernzuhalten. Doch Schillers Vorschlag scheiterte an jagdrechtlichen Bestimmungen. „Wir sind auch schon an verschiedene Ministerien herangetreten, um eine Lösung zu finden –zum Beispiel mit einer verkürzten Schonzeit. Aber das ist alles in Leere gelaufen“, sagt der Bürgermeister. Und so ist auch heuer wieder die einzige Maßnahme gegen die Wildgänse ein hüfthoher Zaun um den Herrschinger Sportplatz. In der Mauser können die Tiere nicht fliegen – so bleibt zumindest die Sportanlage vom Gänsekot verschont.

Herrsching ist nicht der einzige Ort in Bayern, an dem die Wildgänse für Konflikte sorgen. Am Altmühlsee bei Gunzenhausen rücken in den warmen Monaten jeden Morgen Mitarbeiter des Zweckverbands aus, um mit Eimer und Schaufel Strand, Wiese und Wege zu reinigen. 60 000 Euro im Jahr kostet allein das Personal dafür, sagt Geschäftsleiter Daniel Burmann. Wie in Herrsching hat der Zweckverband auch in der fränkischen Stadt schon vieles ausprobiert:Er hat versucht, die Gänse mit Drachen zu verscheuchen. Er hat zusätzliche Flächen geschaffen, auf denen die Gänse sich stattdessen ansiedeln sollen. Er hat Zäune aufgestellt, um sie vom Strand fernzuhalten. Alles schön und gut. „Aber die Population nimmt trotzdem weiter zu“, sagt Burmann.

Die Zahl der Grau-, Kanada- und Nilgänse in Bayern lässt sich nach Angaben von Christian Wagner von der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) in Freising nicht genau beziffern. Allein am Altmühlsee seien es im Juni um die 3500 Wildgänse – und deren Bestand wachse jedes Jahr um knapp zehn Prozent. In besonders betroffenen Regionen soll ein Gänse-Management die Konflikte entschärfen, bei dem Wagner bayernweit berät. Am Altmühlsee und im Maintal zwischen Bamberg und Haßfurt testet die LfL gerade verschiedene Konzepte.

Welche Maßnahmen am besten eine weitere Ausbreitung der Gänse verhindern könnten, sei von Ort zu Ort unterschiedlich, sagt Wagner. „Natürlich ist die Jagd ein mächtiges Instrument. In manchen Bereichen ist das aber schwierig umzusetzen, weil dort zu viele Menschen unterwegs sind.“ Ein Beispiel dafür ist Nürnberg. Der Wöhrder See östlich der Innenstadt lockt in den warmen Monaten Familien, Sonnenbadende und Sportbegeisterte in Scharen ans Ufer. Doch oft gilt es dabei, geschickt Gänsegruppen und Kothaufen auszuweichen. Die Beschwerden häuften sich in der Vergangenheit. 2018 gab die Stadt die Gänse zum Abschuss frei, machte nach Protesten aber einen Rückzieher. Auch am Tegernsee musste sich der Rottacher Bürgermeister vergangenes Jahr gegenüber Tierschützern rechtfertigen, nachdem zwei beauftragte Jäger 17 Gänse geschossen hatten.

Nürnberg will sich diesen Ärger ersparen und versucht es jetzt mit einem neuen Ansatz. In einem von der LfL begleiteten Projekt testet die Stadt die Behandlung der Gelege. Dafür nehmen Mitarbeiter Eier aus dem Gänsenest und stechen diese – sofern noch kein Embryo da ist – an, um deren Entwicklung zu sverhindern. Dann legen sie die Eier zurück ins Nest. Zwei bleiben dabei immer unversehrt. Auch am Altmühlsee, im Maintal und im Raum Straubing wird die Gelegebehandlung nach Angaben von Wagner aktuell erprobt. Ab 2023 soll diese dann überall eingesetzt werden können, wo große Schäden auftreten – sofern die Jagdbehörde eine Ausnahmegenehmigung erteilt.

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