Abtransport im Viehwaggon

von Redaktion

Durch den Ukraine-Krieg kommen die Erinnerungen hoch

VON MAX-JOSEPH KRONENBITTER

Kottgeisering – „Wir haben gerade Kirschenknödel gegessen, als die Tschechen kamen“, sagt Hanni Westner. Mit der damals Siebenjährigen saßen an diesem Tag im Frühjahr 1946 ihre Mutter Marie und ihr Großvater Franz Gröschel am Tisch. Die Anweisung der Tschechen, das Haus zu räumen und pro Person ein Paket oder Koffer von maximal 30 Kilogramm zu schnüren, kam nicht völlig überraschend. Zuvor waren bereits einige Nachbarn in dem Ort Karlsthal, heute Karlovice im Nordosten Tschechiens, vertrieben worden. „Mein Großvater war relativ ruhig, weil er überzeugt war, dass wir irgendwann wieder heimkommen“, erzählt Hanni Westner. Bis zur Abfahrt des Sammeltransports kamen die drei noch für einige Tage in eine bereits geräumte Wohnung. Doch irgendwann stand der Leiterwagen mit einer davor gespannten Kuh vor der Tür und brachte sie mit dem wenigen Hab und Gut zur Sammelstelle in der Ortsmitte.

Heute lebt die 83-Jährige in Kottgeisering, einem beschaulichen Dorf im westlichen Landkreis Fürstenfeldbruck. Idylle pur – aber an ihre Erlebnisse als kleines Mädchen denkt sie oft zurück, wenn sie über die Flucht ukrainischer Familien in der Zeitung liest. 1946, das war das Jahr der damals „Aussiedlung“ genannten Vertreibung. Bis zu drei Millionen Sudetendeutsche wurden damals aus der Tschechoslowakei vertrieben, über eine Million kam nach Bayern. 1945 hatte es, ausgelöst durch Reden des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Edvard Benes, die sogenannten wilden Vertreibungen gegeben – unter anderem den berüchtigten Brünner Todesmarsch. 1946 folgten die Benes-Dekrete, die Deutsche zu „staatlich unzuverlässigen“ Personen einstuften, und die zwangsweisen Umsiedlungen.

Erika Zimmermann, geborene Rösler, die aus Oberwildgrub, heute Horní Václavov, rund 20 Kilometer südwestlich von Karlsthal, vertrieben wurde, musste als Sechsjährige zuschauen, wie zwei Deutsche von tschechischen Soldaten an Teppichklopfstangen gebunden erschossen wurden. „Wir waren damals zwangsweise Vertriebene – im Gegensatz zu den Ukrainern heute“, sagen die beiden Sudetendeutschen. Besonders frappierend: Bürokratisch ging’s auch damals bei der Vertreibung zu. Neben einer Mitteilung an ihre Mutter Marie Rösler, dass deren Ehemann Johann am 26. März in Polen gefallen ist, bewahrt Erika Zimmermann nämlich auch eine vergilbte „Anmeldung“ über die „Vermögenssubstanz, welche Deutsche und andere Feinde der Republik bisher besitzen und (…) der Konfiskation verfallen sind“. „Wir hatten nicht viel“, sagt Erika Zimmermann. „Deshalb hatte meine Mutter nur die Wohnungseinrichtung verzeichnet.“ In Freudenthal im Altvater-Land, heute Bruntál, begann für die beiden zu unterschiedlichen Zeiten der weitere Transport im Viehwaggon. Alle saßen auf ihrem Gepäck, etwa einer schwarzen Koffertruhe, auf die mit weißer Schrift der Nachname gemalt war. „Die steht noch heute auf dem Speicher, meine Enkel bewahren ihre Schlümpfe und Märchenbücher drin auf“, sagt Hanni Westner.

Tagsüber rollte der Zug, nur nachts stoppte er irgendwo im Wald und die Menschen konnten den Waggon verlassen. „Deswegen hat’s auch furchtbar gestunken in den Wagen, das vergesse ich nie“, erzählt Erika Zimmermann. Über die Grenze bei Furth im Wald ging es weiter Richtung Westen.

Nach drei Tagen hielt der Zug irgendwann im Juni 1946 in Maisach im Landkreis Fürstenfeldbruck: Endstation. Das Baracken-Lager am Bahnhof war bereits überfüllt. Die ursprünglich geplante Zuteilung zum Grafrather Schlosscafé passte nicht, deswegen waren die drei Generationen der Familie Berger froh, dass sie Georg Klotz zu sich ins benachbarte Kottgeisering brachte. Viele Misthaufen und unbefestigte Straßen in dem Bauerndorf seien der erste Eindruck beim Ankommen gewesen. „Der Klotz“, wo zuvor schon einige andere Vertriebene landeten, war eines der größten Anwesen im Dorf. Neben Land- und Waldbesitz galt es dort auch, eine Metzgerei und die Gastwirtschaft zu betreiben. Viele Männer waren gefallen oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt.

Genau wie bei den Flüchtlingen aus der Ukraine heute waren damals vor allem Frauen und Kinder gekommen. Arbeitskräfte wurden allerorts dringend gebraucht, deshalb mussten die Frauen auch selbst anpacken. Die Integration erfolgte in erster Linie durch die Mitarbeit in Haus und Hof.

Wenigstens gab es keine sprachlichen Barrieren. „Meine Mutter war für den Schweinestall zuständig, mein Großvater kümmerte sich um das Brennholz-Hacken oder um mich, wenn ich aus der Schule kam“, sagt Hanni Westner. Die Verteilung der Sudetendeutschen im Dorf war Sache der Gemeindeverwaltung, sie stellte auch Beschlagnahme-Verfügungen aus. So gut wie in jedem Haus waren einzelne, mehr oder weniger dürftig eingerichtete Zimmer zur Verfügung zu stellen.

Die Verhältnisse waren spartanisch, die Zeitung wurde nicht nur zum Lesen mit auf das Plumpsklo genommen. „Immerhin mussten wir nicht hungern und wurden auch nicht misshandelt“, erinnert sich Hanni Westner. Schätzungsweise um die hundert Erwachsene und Kinder fanden allein in Kottgeisering auf diese Weise eine neue Heimat. Die beiden Mädchen gingen natürlich in die Kottgeiseringer Dorfschule, wo in einem Klassenzimmer die Klassen 1 bis 4, im anderen die Klassen 5 bis 8 unterrichtet wurden. Was nicht bedeutete, dass die Kinder nicht auch beim Kühehüten, Kartoffelklauben oder händischen Dreschen mithelfen mussten.

In besonderer Erinnerung blieb Westner das „Eineisen“ beim Klotz-Weiher, den man sommers auch zum Baden nutzte. Im Winter wurden Eisblöcke aus dem gefrorenen Weiher gesägt, in Tücher gewickelt und zum Eiskeller gefahren. Dadurch blieb das Bier und andere Lebensmittel bis zum Sommer kalt.

Während Erika als Verkäuferin bei einem Obst- und Gemüsehandel anfing, machte Hanni eine Lehre bei einer Schneiderin in München. Hanni Westner hat ihre alte Heimat in Karlsthal noch einmal besucht. Obwohl die Tschechen immer Angst hatten, dass die Deutschen ihren Besitz wiederhaben wollten, konnte sie sogar ihr altes Zimmer betreten. „Richtig Gänsehaut bekam ich aber, als ich in der Kirche stand.“ Sie hat ihren Frieden mit ihrer Geschichte gemacht, vergessen aber kann sie ihre frühe Kindheit im Altvater-Land nicht.

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