Doppelt so viele Kunden bei den Tafeln

von Redaktion

VON HELENA GRILLENBERGER

Aßling – Susanne Dorsch wirft einen letzten prüfenden Blick in die Kühlschränke. Daneben stehen die letzten Kisten Paprika, die noch verräumt werden müssen. Ein paar routinierte Handgriffe und das Gemüse ist an seinem Platz. Dorsch, Ehrenamtliche der Aßlinger Tafel, trifft die letzten Vorbereitungen, bevor die wöchentliche Ausgabe beginnt.

Momentan ist die Einrichtung so ausgelastet wie nie. Nicht nur in Aßling im Kreis Ebersberg. Seit in der Ukraine Krieg herrscht, haben die Tafeln bayernweit mehr Arbeit, als sie stemmen können. Die Zahl der Tafelkunden im Freistaat hat sich verdoppelt, berichtet Peter Zilles, Vorsitzender des Landesverbands. Im Durchschnitt waren es vor dem Krieg etwa zwölf Personen, die wöchentlich zur Ausgabe nach Aßling kamen, erzählt Dorsch. Mit den ukrainischen Flüchtlingen ist die Zahl der regelmäßigen Besucher auf mehr als 30 Personen gestiegen. Rechnet man die Familienmitglieder zu Hause mit, habe sich die Kundenzahl fast verdreifacht. Am Ablauf der Ausgabe hat der Krieg in der Ukraine jedoch nichts geändert, sagt Dorsch.

Schon die Pandemie hatte die Ehrenamtlichen der Tafeln vor Herausforderungen gestellt. Sie mussten sich Lösungen einfallen lassen, damit die Ausgabe sicher und mit möglichst wenig Kontakten ablaufen kann. Und auch jetzt, während in jedem Supermarkt wieder ohne Maske eingekauft werden darf, herrscht bei der Tafel weiterhin Maskenpflicht.

In Aßling haben die Tafel-Helfer das Problem mit einem Losverfahren gelöst. Nur zwei Kunden dürfen gleichzeitig im Ausgaberaum sein. „Jeder bekommt Lebensmittel“, versichert Dorsch. Auch jetzt noch, obwohl die Lebensmittelspenden stark rückläufig sind. Im Ausgaberaum stehen drei Kühlschränke – aufgeteilt in Fleisch und Fisch, Käse, Jogurt und Pudding. Die Lebensmittel darin würden auch in einen einzigen Kühlschrank passen. Vor der Pandemie, sagt Dorsch, waren die Kühlschränke und auch die Gefriertruhen daneben regelmäßig voll. Jetzt muss sie darauf achten, wie viele Leute noch vor der Türe warten. „Ein bisschen aufteilen und ein bisschen weniger für jeden“, erklärt die Ehrenamtliche.

Dass die Tafel-Spenden momentan so knapp sind, hat mehrere Gründe, erklärt Peter Zilles. Die Hamsterkäufe in der Pandemie, unterbrochene Lieferketten durch den Krieg und dass viele Privatleute momentan Lebensmittel direkt für Hilfsgütertransporte in die Ukraine spenden. Aber auch die steigenden Preise, durch die auch die Armut in der deutschen Bevölkerung zunimmt.

Manche Tafeln mussten wegen der vielen neuen Kunden einen Aufnahmestopp verhängen, sagt Zilles. Zum Beispiel die Tafel in Bayreuth, die mit etwa 600 wöchentlichen Kunden einfach nicht mehr hinterher kam. So weit ist es in Aßling noch nicht. „Aber auch unsere Kapazitäten sind irgendwann erschöpft“, sagt Dorsch, während sie die Einkäufe einer Ukrainerin in einem Einkaufswagen sammelt. Mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch verständigen sich die beiden Frauen.

Die schwierige Kommunikation sorgt für zusätzlichen Stress und lässt Missverständnisse entstehen. Manchmal fassen die drei Helferinnen in Aßling jeden Jogurtbecher im Kühlschrank an, bis der richtige gefunden ist. Doch trotz Stress, trotz der schwierigen Situation für alle: Die Ausgabe ist geprägt von Momenten der Herzlichkeit und gemeinsamem Lachen. Die Ehrenamtlichen nehmen sich Zeit für die Menschen. Sie wissen, auch wenn sich die Verständigung mit den Stammkunden mal schwierig gestaltet, welche Lebensmittel sie mögen und welche sie gar nicht erst in den Einkaufswagen zu legen brauchen.

Der Stress in Aßling spiegelt aber das allgemeine Bild der Tafeln wider: Das große Problem ist momentan vor allem die Überlastung, sagt Zilles. Denn die Ehrenamtlichen arbeiten seit etwa acht Wochen am Limit. „Damit niemand vor der Tür stehen gelassen wird.“ Den Kunden sind die Probleme der Tafel bewusst: „Muss nicht sein“, meint ein Mann, als er einen der letzten Jogurtbecher bekommen soll. „Sonst bekommen andere nix mehr.“

Nach zweieinhalb Stunden Ausgabe sind die Obst- und Gemüsekisten, die Kühlschränke und Brotkörbe bis auf ein paar einzelne Exemplare leer geräumt. Ein kleines Mädchen, etwa sieben Jahre, mit gelber Mütze und roter Jacke, trägt einen rosa Blumenstrauß vor sich her aus dem Gebäude. „Die Blumen nehmen die Leute so gern“, sagt Dorsch. „Die sorgen für ein bisschen Freude, die man sich sonst vielleicht nicht gönnt.“

Artikel 4 von 11