NATALIAS NEUANFANG

Zwischen Stolz und Angst

von Redaktion

Anfang Juni und 100. Kriegstag. Das Leben in Odessa hat sich sehr verändert. An den Kreuzungen sind Betonbefestigungen mit Stacheldraht ausgestattet. In der ganzen Stadt gibt es viele Panzersperren und Straßenblockaden. Und Sandsäcke, um sichere Zonen zu schaffen. Immer mehr Bürger melden sich freiwillig bei der Territorialverteidigung. Es gilt eine strikte Ausgangssperre von 23 bis 5 Uhr. An Stadtstränden stehen Schilder „Achtung: Minen“. Statt Vergnügungsbooten treiben etwa ein halbes Tausend sowjetische Seeminen im Schwarzen Meer. Da russische Truppen die größte Salzfabrik des Landes, Artyomsol, mit Raketen zerstörten, darf Salz nur noch aus dem Ausland importiert werden. Supermärkte haben Beschränkungen eingeführt und verkaufen nicht mehr als zwei Packungen Salz pro Kunde. Zucker kann nicht mehr als fünf Kilo gekauft werden. Durch die Reduzierung der Aussaatflächen steigen auch die Preise für Getreide. Die Verknappung von Benzin, das sich im Preis verdoppelt hat, wird durch die Bombardierung von Ölraffinerien im Land verursacht. Es gibt keine Touristen mehr in der Stadt. Es kommen höchstens Journalisten und Blogger.

Obwohl viele Menschen Odessa nach Kriegsbeginn verlassen haben, gibt es Menschen, für die die Ankunft dort Erlösung bedeutet: für alle, die aus jenen Orten geflüchtet sind, wo jetzt die schrecklichsten Kämpfe stattfinden. Das ständige Sirenengeheul löst bei vielen keine Reaktion mehr aus. Für Flüchtlinge aus Mariupol, Charkow oder der Region Kiew ist dies ein Zeichen dafür, dass die Stadt nicht von der Kommunikation abgeschnitten ist. In ihren Städten hörten sie wegen des Strommangels keine Fliegeralarme, sondern nur plötzliche Luftangriffe, Bombardierungen und gewaltigen Explosionen.

Odessa hat ein eigenes Problem mit Fliegeralarmen. Ich habe kürzlich erfahren, dass, da russische Schiffe Radarunterdrückungssysteme starten, möglicherweise bereits Raketen einschlagen und Luftschutzsirenen später eingeschaltet werden. Trotz des Krieges geht das Leben in der Stadt weiter. Das Bankensystem funktioniert, die Theater von Odessa bereiten neue Aufführungen vor, Schulen und Universitäten unterrichten per Video. Trotz der ständigen Gefahr von Granaten und Bombenangriffen beginnen die Menschen allmählich, ihre gewohnte Lebensweise zu führen. Sie sind an Sirenen, an den Betrieb von Luftverteidigungssystemen, sogar an einzelne Explosionen gewöhnt.

Die Mentalität der Bürger von Odessa erlaubt es ihnen nicht, den Mut zu verlieren. Es scheint mir, dass sie, selbst wenn dort nichts mehr wäre, immer noch die Kraft finden würden, zu lächeln und zu scherzen. Auf meine Frage zur Situation in der Stadt und warum Odessaner Salz aufkaufen, antwortete mein Kollege, ein Professor an der Universität Odessa: „Die Leute geraten in Panik. Es gab wieder Schlangen vor der Apotheke. Es gibt Lachs und Kaviar, im Allgemeinen ist alles da. Auf vielen Produkten steht: made in Ukraine. Wir sind stolz, wir kämpfen und wir werden gewinnen“.

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