Tierwohl im Schneckentempo

von Redaktion

VON CLAUDIA MÖLLERS

München/Berlin – Die Halter von Schweinen müssen künftig mit einem Kennzeichen dem Verbraucher mitteilen, wie ihre Tiere gehalten werden – wenn die von Bundesagrarminister Cem Özdemir (Grüne) vorgestellten Eckpunkte für eine verpflichtende staatliche Kennzeichnung abgesegnet werden. Demnach können Bauern unter fünf Haltungsformen wählen:

.  Haltungsform Stall (Mast entsprechend der gesetzlichen Mindestanforderung)

. Haltungsform Stall+Platz: 20 Prozent mehr Platz/verschiedene Temperatur-/Lichtbereiche

. Frischluftstall: 46 Prozent mehr Platz, mindestens eine Seite des Stalls offen

.Freistall: Mindestens acht Stunden Auslauf im Freien, 86 Prozent mehr Platz

.  Bio: noch größere Auslauffläche, noch mehr Platz gegenüber den anderen Haltungsformen; Erzeugung der Lebensmittel nach EU-Ökoverordnung

„Wer Tiere nutzt, hat auch die Pflicht, sie gut zu halten“, sagte der Minister in Berlin. Als Anschubfinanzierung für den Stallumbau ist im Bundeshaushalt bis 2026 eine Milliarde Euro eingeplant, doch Özdemir weiß, dass das nur ein erster Schritt sein könne. Die Landwirte bräuchten darüber hinaus eine Unterstützung, um die höheren, laufenden Kosten zu stemmen. Mehrkosten für mehr Tierwohl könnten nicht allein den Landwirten aufgebürdet werden. Andernfalls sei zu befürchten, dass noch mehr Schweinehalter aufgeben. „Von 2010 bis 2020 hat sich die Zahl der schweinehaltenden Betriebe halbiert“, wies der Minister auf alarmierende Zahlen hin. Der überzeugte Vegetarier, der aber seine Politik „nicht auf Basis der persönlichen Ernährungsgewohnheit“ macht, betonte: „Ich will, dass auch morgen noch gutes Fleisch aus Deutschland auf unsere Tische kommt.“

Genau das sieht Bayerns Bauernpräsident Walter Heidl durch Özdemirs Pläne in Gefahr. Die Bauern hätten seit Langem eine verpflichtende Haltungs- und Herkunftskennzeichnung gefordert. „Jetzt macht er nur den halben Schritt mit der Haltungskennzeichnung. Und den halben Schritt auch noch ohne Finanzierungskonzept.“ Die Experten-Kommission unter der Leitung des früheren Agrarministers Borchert habe einen Finanzbedarf von vier Milliarden Euro pro Jahr errechnet. „Unsere Betriebe brauchen unbedingt verlässliche Rahmenbedingungen und eine klare Perspektive. Die Regierungskoalition muss hier jetzt dringend Entscheidungen treffen und ausreichend Geld langfristig zur Verfügung stellen. Erst dann können die Tierhalter entscheiden und investieren.“

Überdies stellt sich die Frage, ob die Verbraucher mehr Tierwohl an der Verkaufstheke belohnen würden. „Die Verbraucher achten sehr auf die Qualität – aber auch aufs Geld“, sagt Tobias Pest, Filialleiter der Boneberger-Metzgerei in München-Solln. Die Preise sind schon gestiegen in den vergangenen Wochen. „Die Kunden kaufen überlegter“, beobachtet Pest. „Sie kaufen nicht mehr 100 Gramm Wurst, sondern fünf Scheiben.“ Der Filialleiter befürwortet die Tierwohl-Initiative. „Es muss etwas getan werden, wegen der Massentierhaltung.“ Aber er befürchtet, dass Discounter-Kunden da nicht mitmachen: „Diese Verbraucher wollen den Billigpreis. Und dafür muss Masse produziert werden.“

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