Die Inflation bremst den Bio-Boom

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

München – Auf dem Milchmarkt ist derzeit eine ungewöhnliche Entwicklung zu beobachten. Die Preise, die Bayerns Bauern für konventionelle Milch erhalten, sind in den vergangenen Monaten kräftig angestiegen – auf zuletzt im Schnitt 47,3 Cent pro Liter. Bis zur Jahresmitte könnte die 50-Cent-Marke geknackt werden. Damit erhalten konventionelle Landwirte fast genauso viel Geld für ihre Milch wie Bio-Bauern. Dort lag der Durchschnittspreis im April bei 54,6 Cent. „Wenn die Differenz zwischen bio und konventionell einstellig ist, wird es für die Bio-Bauern ökonomisch bedenklich“, sagt Hans-Jürgen Seufferlein vom Verband der Milcherzeuger Bayern. Zuletzt war die Bereitschaft vieler Landwirte groß, auf bio umzustellen. Aber wenn für die zusätzlichen Auflagen nicht auch mehr Geld herausspringt, dürfte das die Motivation bremsen.

Der Milchmarkt ist nur ein Beispiel dafür, wie die Bio-Branche gerade zu kämpfen hat. Während der Pandemie waren die Umsätze um bis zu 20 Prozent nach oben geschossen. Die Menschen aßen gezwungenermaßen zu Hause und gaben mehr Geld für Lebensmittel aus. Nun befeuert der Krieg in der Ukraine die Inflation. Und die Kunden greifen wieder vermehrt zu Angebotsware oder den günstigeren Eigenmarken der Einzelhandelsketten, wie eine Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EEC zeigt. Auch ein Sprecher der Rewe Group erwartet eine Wechselstimmung von Marke zu Eigenmarke, von bio und regional zu konventionell. Hans-Jürgen Seufferlein drückt das Kaufverhalten so aus: „Erst kamen die Hamster, jetzt die Sparfüchse.“

Hubert Heigl, Bio-Bauer und Vorsitzender der Landesvereinigung für ökologischen Landbau, bestätigt: „Die Marktverwerfungen durch Corona und den Krieg spüren wir.“ Es kämen zwei Effekte zusammen: Einerseits drängt es die Menschen wieder in die Wirtshäuser und Biergärten. „Bei der Außer-Haus-Versorgung sind wir mit unseren Bio-Produkten einfach noch unterrepräsentiert.“

Andererseits wirken sich das veränderte Einkaufsverhalten infolge der Inflation und die verrücktspielenden Agrarmärkte aus. „Es war immer unser Ziel, unsere Preise vom Welt- und vom Spotmarkt abzukoppeln und stattdessen auf regionale, stabile Wirtschaftskreisläufe zu setzen“, sagt Heigl. In den vergangenen Jahren war das für die Bio-Bauern ein großer Vorteil. Während beispielsweise der konventionelle Milchpreis zwischenzeitlich auf 25 Cent absackte, blieb er im Bio-Bereich immer konstant über der 40-Cent-Marke. Doch jetzt, wo weltweit die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Rohstoffen wächst, steigen die Erzeugerpreise im konventionellen Bereich viel stärker als in der Bio-Branche. „Das müssen wir jetzt aushalten“, sagt Heigl. Auch wenn die höheren Kosten die Bio-Bauern natürlich genauso plagen wie die konventionellen Kollegen. „Für uns bedeutet das: Wir müssen unsere Verträge mit unseren Abnehmern vernünftig verhandeln, damit wir weiter kostendeckend produzieren können. Bei der Milch zum Beispiel brauchen wir 60, eigentlich 65 Cent für den Liter, und es gibt bereits erste Anzeichen von Molkereien, dass sie hier mitgehen werden.“

Die aktuellen Marktturbulenzen sieht Heigl nicht nur in gestörten Lieferketten und ausbleibenden Exporten begründet. „Ich frage mich schon, ob die aktuell stattfindenden Spekulationen mit Lebensmittelpreisen ethisch vertretbar sind.“

Die Regierungen sowohl in Bayern wie in Berlin haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Quote von 30 Prozent Öko-Landbau zu erreichen. Das war vor der Krise schon sportlich, jetzt könnte es noch schwieriger werden. „Ja, die Entwicklung kann sich verlangsamen“, sagt Heigl. Aber er ist sich sicher: Längerfristig wird der Öko-Trend bleiben. „Am Ende müssen wir uns schlicht die Frage stellen, ob wir Biodiversität und Klimaschutz, und damit verbunden eine nachhaltige Ernährungssicherheit, den kurzfristigen Reaktionen der Lebensmittelmärkte opfern wollen.“

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