„Weitermachen und reformieren“

von Redaktion

Vor einem Jahr lehnte der Papst das Rücktrittsgesuch von Marx ab – Betroffene vermissen Zugehen auf Missbrauchsopfer

München – Es war ein Beben, das vor einem Jahr die katholische Kirche in Deutschland erschütterte: Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising sowie enger Berater von Papst Franziskus, bot seinen Rücktritt an. Nur sechs Tage später, am 10. Juni, entschied Franziskus, dass Marx im Amt bleiben soll. Eine Entscheidung in Windeseile, wie man sie dem Vatikan eigentlich gar nicht zutraute. Der „liebe Bruder“ soll weitermachen – was in der deutschen Kirche als untrügliches Zeichen für päpstlichen Rückenwind für Reformen angesehen wurde.

„Man verlangt von uns eine Reform, die – in diesem Fall –nicht in Worten besteht, sondern in Verhaltensweisen, die den Mut haben, sich dieser Krise auszusetzen, die Realität anzunehmen, wohin auch immer das führen wird. Und jede Reform beginnt bei sich selbst. Die Reform in der Kirche haben Männer und Frauen bewirkt, die keine Angst hatten, sich der Krise auszusetzen und sich selbst vom Herrn reformieren zulassen. Das ist der einzige Weg; andernfalls wären wir nur Ideologen der Reformen“, schrieb Franziskus an Reinhard Marx.

Ein Jahr später stellt sich die Frage, was sich verändert hat, seit Kardinal Marx in seinem Rücktrittsgesuch an den Papst den „toten Punkt“ beschrieben hatte, an dem die Kirche angekommen sei. Vieles ist geschehen in der Erzdiözese – nicht zuletzt die Veröffentlichung des zweiten Missbrauchsgutachten am 20. Januar, das weltweit Schlagzeilen machte und den früheren Erzbischöfen Wetter und Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., schweres Fehlverhalten vorhält. Auch Kardinal Marx werden Fehler angelastet, aber in geringerem Maß.

Seine Betroffenheit über das Ausmaß des Missbrauchsskandals nimmt ihm Michaela Huber, Vorsitzende der Unabhängigen Aufarbeitungskommission von sexuellem Missbrauch im Erzbistum, „zu hundert Prozent“ ab. „Der Rücktritt war ernst gemeint“, ist die Psychologin überzeugt. Durch die Tatsache, dass der Papst den Rücktritt abgelehnt habe, „hat er eine Rückenstärkung bekommen, auf dem Weg der Aufarbeitung progressiv weiterzumachen“. Marx habe ein Signal setzen wollen: Er geht oder ihm wird der Rücken gestärkt. Gleichzeitig gebe es Dinge, die nicht gut laufen. Es holpere im Detail, doch vor allem ist Huber irritiert, „dass er nicht proaktiv auf die Betroffenen zugeht – obwohl er im Hintergrund sehr viel für sie macht“. Ausdrücklich lobt Huber die vom Erzbistum geschaffene feste Zusammenarbeit mit externen Kooperationspartner für die Beratung: „Wildwasser“ und das „Münchner Männerzentrum“ bieten Betroffenen schnelle Hilfe, unterstützen sie auch beim Ausfüllen des Antrags auf Anerkennungsleistungen.

Marx hat in den vergangenen Jahren eine große Veränderung durchgemacht. Der Mann, der von 2002 bis 2008 Bischof von Trier war, galt zunächst durchaus als konservativer Theologe. Unter dem Schockerlebnis der sexualisierten Gewalt in der Kirche hat er sich immer mehr für Reformen geöffnet, sodass er heute sogar den Pflichtzölibat in Frage stellt und einen Gottesdienst mit der queeren Gemeinde in München feiert. Auch an einem Gesprächsforum „Betroffene hören“ nahm Marx teil.

Richard Kick vom Betroffenenbeirat indes bemängelt nach wie vor die Kommunikationsschwäche des Erzbischofs. Der Familienvater aus dem Kreis Fürstenfeldbruck fordert seit dem 21. März, dass Marx auf die Betroffenen zugehen soll. „Es ist immer noch nichts passiert. Er schreibt keinen Brief an Betroffene und bittet sie nicht zum Gespräch über das, was passiert ist.“ Kick erklärt sich das so, dass die Kirche nicht wisse, wie sie mit dem Missbrauchsthema umgehen soll. Ein Jahr habe Marx die Chance gehabt, auf Betroffene zuzugehen. Und vielleicht in Einzelfällen eine höhere Zahlung zur Anerkennung des Leids zu zahlen. Einzelne Opfer warteten seit Monaten auf eine weitere Unterstützung, seien von Obdachlosigkeit bedroht. Das Erzbistum habe so viel Geld in Stiftungsfonds, dass man ohne Kirchensteuergeld die Lage befrieden könne. Unerträglich sei auch, dass die Anträge auf Anerkennungsleistung, die von den unabhängigen Ansprechpartnern mit den Opfern erarbeitet worden sind, an das Ordinariat gingen. Erst nach dem Okay durch die Rechtsabteilung werde der Antrag an die Deutsche Bischofskonferenz weitergeleitet. CLAUDIA MÖLLERS

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