Miesbach – U-Bahn-Bau, die Liebesgeschichte zwischen Kronprinz Carl Gustaf von Schweden und seiner späteren Frau, der heutigen Königin Silvia, Touristen aus der ganzen Welt: Während der Olympischen Spiele 1972 herrschte in München Heiterkeit und Aufbruchstimmung. Ella Mair erinnert sich gut daran – die damals 33-Jährige arbeitete als Verkäuferin im Sporthaus Bock an der Münchner Schwanthaler Straße 23. „Durch die Nähe zum Hauptbahnhof und zu den vielen Hotels hatten wir in diesen Tagen viele internationale Kunden“, erinnert sie sich. „Alle Menschen waren aufgeschlossen, friedlich und gut drauf, auch unser Chef, weil die Kasse immer voll war. Es war eine wirklich schöne Zeit.“
Dass palästinensische Terroristen am 5. September im Olympiadorf israelische Sportler als Geiseln nehmen würden, ahnte sie natürlich nicht. Und noch weniger, dass sie es sein würde, die ihnen die Sporttaschen verkaufte, mit denen sie ihre Waffen zum Ort des Attentats transportieren würden. „Auf so etwas kommt man ja nicht“, sagt Mair. Es klingt wie eine Entschuldigung.
Die Miesbacherin sitzt am Tisch in ihrem Wohnzimmer und nestelt an einer Pappschachtel herum, die mit dem strahlenförmigen Logo der Olympischen Sommerspiele 1972 bedruckt ist. Sie hebt darin Olympia-Münzen auf – die einzigen Erinnerungsstücke, die sie noch hat. Die Karten für das Hockey-Vorrunden-Spiel Deutschland gegen Pakistan? „Die habe ich lange aufgehoben“, sagt Mair, „aber mit 83 Jahren muss man mal ausmisten, sonst sammelt sich zu viel an.“ Die Hockey-Tickets waren die einzigen, die Mair damals noch bekommen hatte. „Lieber hätte ich mir Schwimmen oder Leichtathletik angeschaut, aber das war alles schon ausverkauft.“
Dennoch zählt das Hockey-Spiel, das die deutsche Mannschaft für sich entscheiden konnte, zu den schönen Momenten, die die sportbegeisterte Seniorin mit Olympia 1972 verbindet. Genau wie die Beteiligung ihres Sohnes am Fackellauf: Als Repräsentant des Skiclubs Miesbach durfte er die Fackel in Kreuzstraße übernehmen und ein Stück des Wegs nach München tragen. „Und wir standen Spalier“, erzählt Mair.
Dann kam der Tag, der ihre Erinnerungen bis heute überschattet: „Es war ein langer Samstag“, erinnert sich Mair. Wie jeden Vormittag stand sie im Geschäft und beriet Kunden. Die Tür ging auf und eine Gruppe von fünf Männern kam herein. „Sie wirkten wie ganz normale Touristen“, erinnert sich Mair. Einer von ihnen schnappte sich eine Sporttasche von einem Verkaufsständer, hielt sie hoch und deutete darauf. So wollte er klarmachen, dass sie eine Sporttasche kaufen wollten – die Männer sprachen kein Deutsch und kein Englisch. „Sie waren weder unhöflich noch aufdringlich“, erinnert sich Mair, „ich empfand sie nur als schwierig, weil sie so unentschlossen waren.“
Mindestens zehn verschiedene Taschen ließen sich die Männer zeigen. „Sie haben eine jede mit einem metallenen Roll-Maßband abgemessen.“ Design und Farbe – egal. Mair dachte deshalb, die Herren suchten eine Tasche, die als Handgepäck auf Flügen zugelassen sei. „Ich wäre nie darauf gekommen, dass die ihre Gewehre verpacken wollten.“
Die Männer blieben lange im Laden. „Aber wir hatten ja oft Kunden, die sich nicht entscheiden konnten.“ Schließlich kauften die Männer fünf Sporttaschen von Adidas und Puma. „Ich habe mich noch gefreut, weil ich ja am Umsatz beteiligt war.“
Auch als die Medien drei Tage später von dem erschütternden Attentat berichteten, das mit der Ermordung aller elf israelischen Geiseln sowie dem Tod eines Polizisten endete, dachte sich Mair nichts. „Erst als ein Kriminaler in Zivil in den Laden kam, um mich zu verhören, habe ich mir was gedacht.“ Ein Preisetikett an den Taschen hatte die Ermittler zum Sporthaus Bock geführt.
Viele Jahre sprach Ella Mair nur mit engen Vertrauten über ihre kurze Begegnung mit dem Terror. „Ich habe mir Vorwürfe gemacht“, erklärt sie, „und das jahrelang mit mir rumgeschleppt.“ Eine Frage treibt sie bis heute um: „Hätte ich etwas merken müssen?“