München/Berlin – Am 24. Juni 1922 gegen 10.45 Uhr überholte ein Mercedes den offenen Wagen, in dem Reichsaußenminister Walter Rathenau gerade zum Auswärtigen Amt chaufiert wurde. Dann gellten Maschinengewehrsalven durch das Berliner Villenviertel am Grunewald. Walter Rathenau, 54, Sohn und Erbe des Gründers der AEG, Jude, Liberaler, Vernunftdemokrat in der jungen Weimarer Republik, sackte tödlich getroffen im Auto zusammen. Eine Obduktion ergab später, dass er von neun Schüssen getroffen worden war. Zudem hatten die Täter Handgranaten geworfen.
Die Berliner Republik hatte in den gut drei Jahren ihres Bestehens schon viele politische Morde erlebt – doch dieser Anschlag erschütterte sie bis in die Grundfeste. „Rathenaus Ermordung“, titelte die „Münchener Zeitung“. „Die Täter entkommen – eine Million Mark Belohnung – Erregung und Lärmszenen im Reichstag und im Preußischen Landtag“.
Rathenau war eine charismatische Persönlichkeit, streitbar auch in seinem Judentum, da er eine unbedingte Assimilation befürwortete und die mangelnde Integrationsfähigkeit vieler Juden beklagte. Vor allem aber war er eine Symbolfigur für die Demokratie. Mit dem Mord, so die Meinung vieler damals, sollte nicht nur eine verhasste Person beseitigt werden, sondern das ganze Weimarer System.
Im Reichstag erklärte ein erschütterter Reichskanzler Joseph Wirth einen Tag nach dem Mord: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind, und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts.“
Die Polizei benötigte gut drei Wochen, ehe sie die beiden Haupttäter stellen konnte. Sie waren auf wilder Flucht per Fahrrad bis zur Burg Saaleck (Sachsen-Anhalt) gekommen, ehe sie gestellt wurden. Es handelte sich um die ehemaligen Marinesoldaten Erwin Kern und Hermann Fischer. Befragt werden konnte die beiden Mittzwanziger nicht mehr – denn sie waren beim Versuch ihrer Festnahme ums Leben gekommen.
Doch auch so hatten die Behörden bald genug Material zusammen, um Hintergründe der Tat zu rekonstruieren. Das lag auch daran, dass sie den Chauffeur der beiden Mörder, einen Mann namens Ernst-Werner Techow, schon am 26. Juni verhaften konnten. Später war er der Einzige, der eine lange Haftstrafe verbüßte. Er legte ein Geständnis ab und wies die Polizei auf eine Spur, die nach München führte.
Denn Kern, Fischer und Techow hatten nicht allein gehandelt. Ausgeheckt worden war der Plan, so stellte sich heraus, von Hintermännern, die sich in einer geheimnisumwitterten „Organisation Consul“ zusammengefunden hatten. „Consul“, also Leiter der „OC“, war Hermann Ehrhardt, schon nach Einsätzen in den deutschen Kolonien vor dem Krieg dekorierter Offizier, dann bis zum Sturz der Monarchie 1918/19 Führer einer Marine-Brigade. Er hatte versucht, seine Leute im Dunstkreis rechter Verbände auch nach Auflösung der Brigade zusammenzuhalten. In viele gegenrevolutionäre Aktionen waren Ehrhardt-Leute verwickelt, auch in den ersten Umsturzversuch, den Kapp-Putsch vom März 1920.
Als Tarnorganisation diente eine „Bayerische Holzverwertungsgesellschaft mbH“, die seit Dezember 1920 in einer Mietwohnung in der Trautenwolfstraße 8 in München-Schwabing residierte. Das Haus gibt es noch, heute sind dort Arztpraxen und Privatwohnungen, ein Schild erinnert an den ehemaligen Satiriker Peter Paul Althaus, der hier auch einmal wohnte. Von außen sieht man nicht, dass hier einst rechter Terror ausgebrütet wurde. Auf die Tarnung als Holzverwertungs-GmbH war Ehrhardt gekommen, weil viele seiner Ex-Soldaten sich mit Waldarbeiten über Wasser hielten. In der Zentrale arbeiteten etwa 30 hauptamtliche Mitarbeiter unter der Leitung von Ehrhardt.
Die Öffentlichkeit erfuhr von der Existenz der OC erstmals nach dem Mord am einstigen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger im August 1921 – denn auch die geflüchteten Attentäter hatten engen Kontakt zur Trautenwolfstraße. Obwohl die Polizei also einiges über den mit chiffrierten Anweisungen und Kurieren arbeitenden Geheimbund wusste, konnte er nicht ausgeschaltet werden, schreibt der Historiker Martin Sabrow.
Während seine Vertrauten zum Teil angeklagt und verurteilt wurden, war der „Kopf des Komplotts“ (Sabrow) Hermann Ehrhardt klug genug, zeitlebens Spuren zu verwischen. Er war ein halbes Jahr in Haft, doch konnte ihm gerichtsfest nie etwas nachgewiesen werden. Anders als andere Beteiligte am Attentat, die Waffen oder auch das Auto besorgt hatten, brüstete er sich auch nach 1945 nie mit seinen gegen die Republik gerichteten Aktivitäten. Bis zu seinem Tod 1971 lebte er im österreichischen Waldviertel. Sein Nachlass liegt, so Sabrow, für die Wissenschaft unerreichbar in privater Hand.
In manchem erinnert der Mordanschlag vor 100 Jahren an rechtsextreme Attentate jüngster Zeit, an die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ etwa oder an den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Doch sollte man diese Parallelität nicht überdehnen. Ein Mordzentrale in dem Ausmaß, wie es sie Anfang der 1920er-Jahre gab, ist heute nicht erkennbar.
Die geheimnisvolle Organisation Consul in der Münchner Trautenwolfstraße