Testflug für die G7-Staatschefs

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN (TEXT) UND OLIVER BODMER (FOTOS)

München/Krün – Es hat ein bisschen was von Waschmaschine im End-Schleudergang, als sich die Rotorblätter immer schneller drehen. Die Felder um uns beginnen zu zittern, der Helikopter ruckelt hin und her, in der Nase brennt der Geruch von Kerosin. Der Polizist mit dem schwarzen Helm kontrolliert noch fix unsere Anschnallgurte. Dann heben wir ab. Ein kurzes „Bing“ ertönt, wie auf einem normalen Linienflug, und plötzlich ruckelt nichts mehr. Das Gelände der Fliegerstaffel Oberschleißheim unter uns wird immer kleiner, die Fahrzeuge auf der A99 zu Spielzeugautos. Allianz-Arena, Olympiaturm, Frauenkirche. Die G7-Staatsgäste werden am Sonntag auf ihrem Weg nach Schloss Elmau eine Sightseeing-Tour der extravaganten Art bekommen.

Ich frage mich, welcher Re- gierungschef dann in unserem Heli sitzen wird. Fünf dunkelblaue Maschinen sind Richtung Krün abgehoben – die Polizisten wollen das Einsatzgebiet kennenlernen, bevor Scholz, Macron, Johnson und Co. einsteigen. Die Bundespolizei hat ihre Fliegerstaffeln aus ganz Deutschland zusammengerufen, um für den G7-Gipfel gewappnet zu sein. Insgesamt passen mehr als 15 Personen in den „Super Puma“. In unserem sitzen sechs Polizisten aus Berlin und Hannover. Immer wieder knipsen sie Fotos. Der Ausflug durch Oberbayern ist auch für sie besonders.

Der Polizist mit dem schwarzen Helm heißt Marc Augustin. Er ist der Operator des Flugs, bedient also die Technik im Hubschrauber – bei Verfolgungs-Einsätzen gehören dazu Wärmebildkameras und Suchscheinwerfer. Diesmal geht es hauptsächlich ums Türenöffnen. Augustin kriecht auf Knieschonern zur Tür und schiebt sie zur Seite. Viel kann dabei nicht passieren, denn er ist mit Gurten gesichert. Trotzdem wird mir etwas schwummrig, als ich sehe, wie er seine Hand nach draußen reckt.

„Lass deine Kamera nicht fallen“, rufe ich meinem Kollegen Olli zu, als er sich über die weite Sicht aus dem offenen Hubschrauber freut – und vergesse, dass er mich bei dem Lärm überhaupt nicht hören kann. Zumal wir alle Ohropax tragen. Dann blicke ich selbst raus, runter auf die Miniatur-Metropole. Selten war ich so dankbar für einen Anschnallgurt.

Immer mal wieder fliegt einer der anderen Helikopter neben uns her. Ein bisschen absurd ist es schon, als sich die Passagiere gegenseitig fotografieren. Gut 45 Minuten fliegen wir über das Voralpenland, die Isar entlang, über den Starnberger See und den Walchensee, bis mich Operator Augustin antippt und mit dem Finger auf die gegenüberliegenden Fenster zeigt. Inmitten einer akkurat gemähten Wiese ragt Schloss Elmau hervor: Daneben sind bereits für unsere fünf Hubschrauber Kreise auf dem Asphalt markiert. Der „Super Puma“ landet so sanft, dass wir kaum spüren, wie die Kufen den Boden berühren.

Pause ist nicht drin. Noch bevor die Triebwerke kalt werden, heben die Maschinen wieder ab. Die beiden Piloten kennen jetzt die Strecke, es geht zurück nach München. Wanderer am Waldrand zücken ihre Handys und filmen den Start. Auf dem Rückweg gibt es einen Zwischenstopp an der Zugspitze. Als wir über rauen Felsen und braunen Schneeresten schweben, tippt Operator Augustin etwas in sein Handy: „15 Grad Außentemperatur“, steht in der Notiz.

Als wir in München landen, ist es endlich vorbei mit der Zeichensprache. „Wer wird am Sonntag auf meinem Platz sitzen?“, frage ich Harald Juschka, 60 – er ist einer der beiden Piloten. „Das erfahren wir selbst erst im letzten Moment“, sagt er und zwinkert. „Nur so viel: Joe Biden wird’s nicht sein. Der US-Präsident bringt immer seinen eigenen Helikopter mit.“ Ob sich seine Piloten wohl genauso gut in Oberbayern auskennen wie Juschka und seine Kollegen?

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