München – Nach Bekanntwerden der mutmaßlich jahrelangen Verspätung und Kostenexplosion bei der zweiten Münchner S-Bahn-Röhre wackelt jetzt auch die geplante U-Bahn-Linie U9. Beide Projekte hängen zusammen, sagte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Die U9 soll als Entlastungslinie für die U3/U6 von der Poccistraße über den Hauptbahnhof bis zur Münchner Freiheit geführt werden. Dafür soll beim Bau der neuen Stammstrecken-Haltestelle am Hauptbahnhof auch gleich ein sogenanntes Vorhaltebauwerk – also ein U9-Bahnhof in Rohbauweise – eingeplant werden. Dies mache aber nur Sinn, wenn die Finanzierung durch den Bund stehe, sagte Reiter. „Ich brauche definitiv eine Zusage, wie die U9 gefördert werden soll.“ Wenn dies nicht geschehe, „dann werde ich dem Stadtrat im Oktober nicht empfehlen, dem Vorhaltebauwerk zuzustimmen“.
Reiter kritisiert vor allem die Deutsche Bahn mit harschen Worten. Es sei „einigermaßen unglaublich“, wie die Bahn sich aktuell verstecke, sagte er bei einem Termin im Landtag. „Es ist eine Unverschämtheit, wie man hier mit den Bürgerinnen und Bürgern umgeht.“ Reiter warf Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) vor, dieser habe einen Gesprächstermin in der vergangenen Woche platzen lassen, obwohl er in München gewesen sei. Wissing sei nun einmal zuständig, dann müsse er sich auch kümmern.
Reiter und Bayerns SPD-Landeschef Florian von Brunn forderten den Bund und den Freistaat als Projektträger der zweiten Stammstrecke auf, die Bahn zur Offenlegung aller Daten und Fakten zu zwingen. Eine zehnjährige Verzögerung wolle man nicht einfach als gottgegeben hinnehmen, sagte von Brunn. Reiter kommentierte die Zeitspanne fast ungläubig: „Vielleicht hat man unterirdisch einen Vulkan gefunden“, spottete der SPD-Politiker. Er befürchte, dass sich die Pendler noch zehn Jahre länger mit einer unpünktlichen S-Bahn quälen müssten. Der Kauf neuer S-Bahn-Züge und der Ausbau des Südrings seien jetzt zu beschleunigen.
Der ehemalige Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), der die Vereinbarung zur Finanzierung 2016 zusammen mit Ministerpräsident Horst Seehofer unterzeichnet hatte, sieht in der Kostensteigerung von 3,8 auf 7,2 Milliarden Euro kein unüberwindbares Hindernis. Das Finanzvolumen für das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz sei in seiner und Andreas Scheuers Amtszeit auf zwei Milliarden Euro jährlich bundesweit mehr als verfünffacht und die Stammstrecke angemeldet worden. Eine zeitliche Grenze oder eine Höchstsumme sei nicht vereinbart. „Damit sind auch die Mehrkosten abgedeckt.“ Der Bund müsse sich an seine damalige Zusage halten.
Bei den Grünen gibt es zunehmend Stimmen, die den Sinn ganz bezweifeln. Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann rechnet letztlich mit Baukosten „im zweistelligen Milliardenbereich“.
Der Grünen-Abgeordnete Martin Runge aus Gröbenzell (Kreis Fürstenfeldbruck), ein früher Kritiker des Projekts, forderte einen sofortigen Baustopp für die zweite Stammstrecke. „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, sagte er unserer Zeitung. Die schon fertiggestellten Bauten bei Laim ließen sich auch für eine Ertüchtigung des Südrings verwenden, meint er. Bei den Baustellen am Hauptbahnhof und Marienhof „muss man schauen, wie man die rückbauen kann“. DIRK WALTER