NACHGEFRAGT

Plötzlich Flüchtling

von Redaktion

Am Wochenende stand nahe Freising alles Kopf: aus Marzling wurde Mogadischu, hinter einem Acker lagen Österreich und die deutsche Staatsgrenze nur ein paar Schritte auseinander. Was auf dem ersten Blick merkwürdig erscheint, nennt sich „Youth On The Run“ und hat anderswo längst Tradition: junge Menschen, die in die Rolle von Flüchtlingen schlüpfen und sich 24 Stunden ohne Schlaf und mit wenig Essen auf eine ungewisse Reise begeben – um verstehen zu lernen, wie es Menschen auf der Flucht ergeht. In Marzling im Kreis Freising hat das Bayerische Jugendrotkreuz die erste Flucht-Simulation in Bayern auf die Beine gestellt. Janine Müller (24) aus Hallbergmoos war eine der „Schutzsuchenden“.

Frau Müller, sie waren zwei Tage unterwegs und wurden in der Simulation abgewiesen. Wie geht es Ihnen?

Ich bin vor allem eines: sehr, sehr müde. Und ich war verzweifelt, weil wir kaum Essen hatten und nur wenig Wasser. Nach der Entscheidung, dass ich kein Asyl bekomme, habe ich mich schlecht gefühlt. Alles zusammen hat mich emotional überfordert. Ich bin froh, dass es vorbei ist.

Für viele der jungen Leute, die mitgemacht haben, war das Auffanglager „No Hope“ die schlimmste Erfahrung. Was haben Sie dort erlebt?

Dort bin ich fast an meine Grenzen gekommen. Es war eng und heiß im Zelt und wir durften weder reden noch schlafen, sondern mussten einfach nur sitzen und warten. Es wurde laut Musik gespielt und ständig mit dem Kugelschreiber geklackert, um uns zu nerven. Wir wussten auch nicht, wie lange wir dort waren, weil Uhren verboten waren. Trotzdem war die Simulation eine wertvolle Erfahrung, die jeder Mal machen sollte. Aber jetzt will ich nur noch eines: unter die Dusche!

In Ihrer Rolle spielten Sie eine Ehefrau, die sich mit ihrem Mann und Familienmitgliedern auf die Flucht begibt. Was waren die Gründe für die Flucht?

Wir erhielten fiktive Biografien – und wir mussten aus Armutsgründen nach Deutschland. Wir fielen auf einen Schleuser herein, für den wir illegale Substanzen transportieren mussten. Auch mit den Behörden hatten wir Probleme. Was für mich lehrreich war: Es gibt viel Willkür auf so einer Reise, und vieles ist schwer, vor allem wegen Verständigungsproblemen.

Interview: Richard Lorenz

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