Tierkliniken vor dem Kollaps

von Redaktion

Zu viele Bagatellfälle, zu wenig Personal – und immer weniger Anlaufstellen für Tierbesitzer

Ismaning – Im Notfall zählt jede Sekunde: Das ist bei schwer kranken Menschen nicht anders als bei Tieren. Doch genau wie die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind auch die Notdienste der Tierkliniken komplett überlastet. Die Gründe sind ähnlich: zu wenig Personal, zu viele Bagatellfälle. Die Tierklinik in Ismaning im Kreis München schlägt nun Alarm: „Wir stehen vor dem Kollaps.“

Tierbesitzer kennen das Gefühl der Panik: Der Hund erbricht sich heftig oder wird bewusstlos, die Katze fällt vom Balkon und hat ein gebrochenes Bein. Zum Albtraum werden solche Situationen nachts oder am Wochenende, wenn der Haustierarzt nicht erreichbar ist: Denn der nächste Notdienst in Bayern kann weit entfernt sein. Immer mehr Tierkliniken und niedergelassene Tierärzte stellen aus personellen und finanziellen Gründen ihre Rund-um-die-Uhr-Notfallversorgung ein. Eine dramatische Entwicklung, warnen die Gründer und Inhaber der Tierklinik Ismaning, Klaus Zahn und Felix Neuerer.

In den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Kleintierkliniken in Bayern von 25 auf 15 (Stand: Ende 2021) geschrumpft. „Wir sind im Großraum München eine der letzten Kliniken, die überhaupt einen 24/7-Notdienst anbieten, und arbeiten oft an der Belastungsgrenze“, klagt Klinikchef Neuerer. Nur noch die Tierkliniken in Haar und Oberhaching sowie die LMU-Kleintierklinik in der Innenstadt stehen noch rund um die Uhr zur Verfügung. Für sie wird die Belastung immer größer: Denn in Germering, Neufahrn, Weilheim, Ingolstadt, Dingolfing, Landshut, Passau oder Regensburg bleiben die Türen nachts und am Wochenende teilweise oder ganz zu. Die Pandemie mit ihrem Haustierboom verschärft die Entwicklung, schon tagsüber wird die ärztliche Versorgung der vielen neuen Patienten zur Kraftprobe.

Im Notdienst werden in der Klinik Ismaning binnen 24 Stunden nicht selten 100 und mehr Tiere versorgt. Häufig ist der Ansturm so groß, dass die Klinik zeitweise einen Aufnahmestopp für die Hunde- oder Katzenstationen verhängen muss. Immer wieder müssen Zahn und Neuerer aufgeregte Kunden beruhigen und um Verständnis für lange Wartezeiten bitten. „Noch stemmen unsere Mitarbeiter diese enorme Belastung mit Bravour“, betont Klaus Zahn. „Doch lange können wir nicht mehr durchhalten.“

Einer der Hauptgründe für den drohenden Notdienstkollaps: Es fehlt an qualifiziertem Personal, das gewillt ist, außerhalb der regulären Öffnungszeiten Notdienste zu übernehmen. Der Tierarztberuf ist sehr weiblich geworden: Neun von zehn Absolventen sind Frauen, denen familienfreundliche Arbeitszeiten wichtig sind. Viele Kliniken benennen sich um, zum Beispiel in Tiergesundheitszentrum. Damit entfällt die Klinik-Verpflichtung für Nacht- und Notdienste. „Auch uns wurde nahegelegt, unseren Klinikstatus ruhen zu lassen, um kurzfristig Abhilfe zu schaffen“, bedauert Felix Neuerer. Er würde sich eine politische Lösung wünschen. Doch die Bundestierärztekammer sieht noch keinen Handlungsbedarf: Es müssten sich einfach noch viel mehr Tierbesitzer über die desaströse Lage im Notdienst beschweren, sagt er. SUSANNE STOCKMANN

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