„Die wichtigste Arbeit meiner Karriere“

von Redaktion

INTERVIEW Silberschmied Hans Joachim Bleier restauriert das Schloss Neuschwanstein

Hohenschwangau – Ein Heer von Experten aller Fachrichtungen ist an der Sanierung von Märchenschloss Neuschwanstein beteiligt. Einer der wichtigsten: Hans Joachim Bleier aus Rottenburg in Baden-Württemberg. Er ist eigentlich Silberschmied von Beruf und hat sich vor Jahren für die Denkmalpflege entschieden. Bleier (63), der auf seinem Gebiet als absoluter Spezialist gilt, hat die Kandelaber, die großen prunkvoll-goldenen Standleuchter im Sänger- und Thronsaal, restauriert. Wir haben ihn mitten in einer neuen Arbeit erreicht. Bleier und sein Team arbeiten gerade am Treppenhaus des Augsburger Hauptbahnhofs, der aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Herr Bleier, Sie haben schon an vielen alten, schönen Dingen gearbeitet. Welche Wertigkeit besitzen die Kandelaber von Neuschwanstein?

Schloss Neuschwanstein kennt die ganze Welt, darum ist die Außenwirkung auch so groß. Diesen Auftrag wollte ich unbedingt haben, und deshalb habe ich mich bei der Bewerbung entsprechend darum bemüht. Es ist schon ein super Gefühl, an diesem einzigartigen Schloss mitzuwirken. Jedes Stück ist etwas Besonderes. Ja, die Kandelaber sind sicherlich die wichtigste Arbeit meiner Karriere.

Mit welchen Gefühlen sind Sie an die Arbeit gegangen?

Wer an den Kandelabern arbeitet, dem wird ein Blick in die Vergangenheit und in die Zeit von König Ludwig II. gewährt. Die Leuchter hatte noch nie jemand zuvor auseinandergenommen. Der Dreck und Staub stammt aus 150 Jahren.

Welches Problem bestand an den Kandelabern?

Das Problem der Leuchter hat sich über Jahre entwickelt. Die Finger von Tausenden Touristen und zum Teil auch falsche Pflege hatten den Kandelabern über die Jahrzehnte zugesetzt. Hilfreiche Schlossgeister haben die Kandelaber, die aus Messing bestehen und vergoldet sind, häufig und wohl auch intensiv geputzt. Dabei haben sie das Gold abgerieben. Messing läuft an, und es entsteht eine abgedunkelte Oberfläche. Wir haben sie gereinigt und mit Klarlack überzogen. Die meisten wiesen allerdings kaum oder keine Beschädigungen auf. Die Leuchter befinden sich ja in einem musealen Umfeld.

Die Männer, die vor 150 Jahren an den Leuchtern gearbeitet haben, verstanden sicherlich ihre Arbeit. Wie ist Ihr Eindruck?

Die waren unheimlich gut, die zahlreichen Einzelteile, die zusammengefügt werden mussten, sind herausragend gearbeitet. Vor allem, wenn man weiß, dass damals keine technischen Hilfsmittel zum Einsatz kamen. Wenn an einem Teil gefeilt werden musste, dann wurde daran auch gefeilt. Die Spuren entdeckt man noch heute.

Wie lang hat ihre Arbeit gedauert?

Der Auftrag zog sich ein Jahr lang hin. In Neuschwanstein stehen zehn Kandelaber. Zwei befinden sich im Thronsaal, acht in der Sängerhalle. Pro Leuchter brauchten ich und meine fünf Mitarbeiter mehrere Wochen. Die Restaurierungsarbeiten fanden in meiner Werkstatt in Rottenburg statt. Wir haben die Leuchter zerlegt und in jeweils sieben Spezialkisten verpackt, die für diesen Zweck extra angefertigt wurden.

Zu einem solch außer- gewöhnlichen Auftrag gehörte bestimmt auch eine strenge Abnahme.

Als die Arbeit fertiggestellt wurde, haben Expertengremium der Schlösserverwaltung alles, was wir getan haben, unter die Lupe genommen. Wir dürfen keine Zwei- minus- oder Drei-plus-Arbeit abliefern, alles wird hochprofessionell abgenommen. Der König hätte auch keine Abstriche bei der Qualität gemacht. Man darf nie von Routine sprechen, man muss immer möglichst gut arbeiten. Da schnellt der Blutdruck manchmal schon etwas in die Höhe, das können Sie mir glauben.

Interview: Peter Reinbold

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