Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, sagte 2021 beim Gedenken an den 9. November: „Erinnerung ist keine Frage der Politik – sie ist deren Grundlage. Ohne sie ist buchstäblich kein Staat zu machen.“ Ein weiser Satz, der an vielen Orten missachtet wird. „Das war vor meiner Zeit“ ist ein beliebter Satz – auch wenn es beispielsweise um das letzte Jahrhundert, also die jüngste Vergangenheit, geht. Natürlich können diese Worte eine hilflose Reaktion sein – jemand geniert sich, weil er etwas nicht weiß und tut deshalb besonders cool. Man muss und kann ja auch kein wandelndes Lexikon sein. Trotzdem: Vieles, das sich Jahre, Jahrzehnte oder gar Jahrtausende vor der eigenen Geburt ereignet hat, ist wichtig und wissenswert.
Mehr noch: Es ist dringend notwendig, sich zu erinnern, um die Menschen der Vergangenheit im Gedächtnis zu bewahren und Gegenwart und Zukunft konstruktiv zu gestalten. Das war vor meiner Zeit: Wer nur sich selbst und das eigene Leben für den Maßstab aller Dinge hält, hat einen viel zu engen Horizont. Wenn nichts von Interesse ist, was außerhalb der eigenen Existenz geschieht, ist das egozentrisch, falsch und gefährlich. Diese Welt ist immer mehr als man selbst.
In dieser Woche wurde der israelischen Sportler und des Münchner Polizisten gedacht, die 1972 bei den Olym-pischen Spielen in München von Terroristen ermordet wurden. Die Erinnerung an das Versagen der Sicherheitskräfte und die fehlende Aufarbeitung in den Jahrzehnten danach ist eine Mahnung, anders mit Opfern und ihren Familien umzugehen – respektvoll und mit der festen Absicht, Hass und Gewalt, Antisemitismus und Rassismus Einhalt zu gebieten. „Erinnern heißt handeln“ – auch das sagt Charlotte Knobloch. Wer nichts von der Vergangenheit wissen will, übersieht schnell alte und neue Gefahren.
An diesem Sonntag wird erinnert an die Attentate des 11. September in New York, Washington und Shanksville. Tausende kamen 2001 in den USA ums Leben. Der Terror erhebt seitdem immer wieder sein grausiges Haupt. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde sorgt sich zu Recht wegen der stärker werdenden „Fliehkräfte“, die auf den früher klaren Konsens der Erinnerung wirken. Dagegen muss sich etwas machen lassen. Vieles war vor unserer Zeit und vieles wird danach kommen. Wir haben Jahre und Jahrzehnte zur Verfügung, um Staat und Gemeinwesen zu machen. Wenn wir begreifen und danach leben, dass ein einziger Mensch schon eine ganze Welt und sein Leben unendlich kostbar ist, dann sind wir auf einem guten Weg. In unserer Zeit.