München – Als Frank S. (Name geändert) den Brief mit dem Antrag zur Anerkennung seines Leids bei der kirchlichen Beratungsstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch abgibt, fällt eine Last von seiner Seele. Der 53-Jährige aus dem Kreis Ebersberg ist ein Opfer von Pfarrer Peter Hullermann. S. war 13 Jahre alt, als er seinem Religionslehrer, der damals noch Kaplan war, in die Hände fiel. „Sein Gesicht habe ich vergessen, aber an die Finger erinnere ich mich ganz genau“, sagt er.
Hullermann hatte immer wieder Jugendliche in sein Haus in Grafing gelockt. Er zeigte ihnen Pornofilme und machte sie mit Alkohol gefügig. Stockend berichtet Frank S.: „Er hat mich sexuell missbraucht in seinem Bett.“ Zurück im Wohnzimmer ging es weiter mit dem Trinken und Pornos. „In dem Alter verstehst du das nicht. Am nächsten Tag ist er ja wieder dein Religionslehrer“, sagt S. „Im Nachhinein fragt man sich: Warum ist man so dumm in dem Alter?“ Als ein Mädchen von den Übergriffen des Kaplans erzählt, wird die Polizei eingeschaltet. Frank S. sagt aus, aber nur verhalten. Zu übermächtig ist die Drohung des Kaplans. Hullermann wird 1986 zu einer milden – für S. viel zu milden – Geldstrafe verurteilt.
Die Jahre vergehen, S. macht eine Ausbildung, geht ins Ausland. Immer auf der Suche nach vertrauenswürdigen Menschen. Nach Freunden. Denn da, wo er einmal zu Hause war, ist niemand, dem er vertraut. Beziehungen gibt es, aber immer wieder zerbrechen sie. Nähe ist schwierig. Wegen Angststörungen begibt er sich auch in Behandlung. Inzwischen arbeitet er selbstständig. Als Mitarbeiter taugt er nicht. Druck oder Abhängigkeit, „das funktioniert nicht bei mir. Das ist zu eng, da ist die Bindung zu groß“, sagt er. Die Übergriffe des Kaplans hatte Frank S. lange verdrängt. 2021 sieht er zufällig im ZDF einen Beitrag über Hullermann. „Das darf doch nicht wahr sein! Gibt’s das Thema immer noch?“, denkt er. S. beginnt zu recherchieren und landet bei der Unabhängigen Aufarbeitungskommission (UAK) im Erzbistum München und Freising. Er findet endlich Menschen, die ihm zuhören, bei denen er sich traut, über „ein so peinliches Erlebnis zu reden“. Vor allem: Sie helfen ihm.
„Das Gute ist, dass das Ganze nun auf den Tisch kommt. Durch die Aufarbeitung, das Ausfüllen des Antrags, geht’s mir besser.“ S. schildert, wie erleichtert er war, als er den Antrag abgab. „Du gibst ihn der Kommission – und es ist erst einmal raus aus dir. Das will ich jedem empfehlen. So mies es dir geht dabei, das in Worte zu fassen: Wenn es auf Papier ist, ist es weg.“ Die Wunden, der seelische Mord, bleiben, sagt er. Daher bleibe die Devise: Aufarbeiten und Abgeben,
Zur Aufarbeitung gehört für ihn auch die Teilnahme am „Tag der Begegnung“, zu dem die UAK am 23. September in die Hanns-Seidel-Stiftung in München einlädt. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit können Betroffene mit Vertretern des Erzbistums – auch Kardinal Reinhard Marx wird dort sein – in einem geschützten Raum sprechen. Rat können sie sich holen bei Mitarbeitern nicht-kirchlicher Beratungsstellen.
S. empfiehlt den Opfern, diese Gelegenheit zu nutzen. Das Schwierigste sei, mit der Aufarbeitung anzufangen. Das Begegnungstreffen könnte diese Scheu nehmen. Wer sich nicht äußern will, der hört einfach nur zu, informiert sich oder vereinbart mit einem Ansprechpartner einen Termin, schlägt S. vor. CLAUDIA MÖLLERS
Anmeldungen
bis 16. September unter 089/2137 77 000 bei der Anlauf- und Beratungsstelle für Betroffene von sexuellem Missbrauch oder online unter www.erzbistum-muenchen.de/anmeldung-uak-begegnungstag