„Es steckt so viel Tragik in der Sache“

von Redaktion

24-Jähriger seit Samstag am Hochkalter vermisst – Detektor entdeckt alten Wetterballon am Gipfel

VON KILIAN PFEIFFER

Ramsau – Es ist Punkt 9 Uhr, als der Polizeihubschrauber auf dem Sportplatz in Ramsau im Berchtesgadener Land landet. Rund 20 Bergretter sind bereit für den nächsten Rettungsversuch auf dem Hochkalter. Seit drei Tagen wird dort ein 24-Jähriger aus Hannover vermisst – bei Schnee und Eiseskälte. Noch haben die Retter Hoffnung, ihn lebend zu finden. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt Rudi Fendt. Wegen seiner 45-jährigen Bergwacht-Erfahrung ist er zum Sprecher für den Einsatz ernannt worden.

Schon am Samstag war Fendt an der Suche beteiligt gewesen. Dieser Einsatz ist einer der härtesten, die er erlebt hat. „Über sechseinhalb Stunden hatten wir Kontakt zu dem jungen Mann“, berichtet er. Dann war dessen Handyakku leer. In den vergangenen Tagen war der Hochkalter von dicken Wolken umhüllt. Auf 2400 Metern Höhe, wo der junge Mann vermutet wird, tobte ein Schneesturm, das Gelände ist vereist, der Schnee liegt teils drei Meter hoch. Die Retter konnten die Suche drei Tage lang nur per Helikopter fortsetzen – erfolglos.

Große Hoffnungen setzen die Einsatzkräfte nun auf das Recco-Sar-Suchsystem. Die 70 Kilogramm schwere Boje, die an einem Helikopter hängt, besteht aus neuester Technik und kann Vermisste orten. Ein Detektor sendet ein Radarsignal aus, das wiederum einen Reflektor aktiviert und das Suchsignal zurückwirft. Das funktioniert auch mit Handys, deren Akku leer ist. Der junge Mann soll auch einen Laptop dabei haben, der geortet werden könnte. Zwei Bojen gibt es in Bayern, eine davon ist in Bad Reichenhall stationiert. Mit diesem System müssen sich weniger Einsatzkräfte selbst in Gefahr bringen.

Gestern entdeckte das Ortungsgerät tatsächlich ein Signal – allerdings handelte es sich nur um einen Wetterballon im tiefen Schnee. Meteorologen lassen Wetterballons aufsteigen, um Wetterdaten zu gewinnen. Nach dem sie geplatzt sind, fallen sie auf den Boden. Zwei Retter wurden vom Helikopter an der Stelle abgesetzt und mussten zwei Meter tief graben, bis sie feststellten, dass es sich nur um einen solchen Ballon handelt. Für die Einsatzkräfte ist das allerdings zumindest ein Zeichen dafür, dass das System funktioniert. Nachmittags wurde der Rucksack des Vermissten gefunden, von dem Mann gab es jedoch keine Spur. Wegen schlechten Wetters mussten die Bergretter den Einsatz danach beenden. Heute soll die Suche weitergehen.

Die Besteigung des Hochkalters ist riskant – schon bei gutem Wetter ist viel Erfahrung nötig, sagt Fendt. „Das ist hochalpines Gelände.“ Seilversicherungen gibt es auf dem Weg zum 2607 Meter hohen Gipfel nicht. „Der Hochkalter ist definitiv der schwierigere Gipfel.“ Auch für erfahrene Bergsteiger wie ihn und seine Kameraden war der Einsatz ein großes Risiko. Das steile Gelände kenne bei Schneefall keine Gnade, sagt Fendt. Überall gibt es Rinsen und Schluchten, der Neuschnee bedeckt die gefährlichen Stellen. Jeder Schritt muss überlegt sein. „Hüfthoch lag der Schnee, als wir hochstapften.“

Der junge Mann aus Hannover war noch nicht lange im Bergsteigen aktiv. „Er hat es erst kürzlich für sich entdeckt“, sagt Fendt. Seine Alpin-Erfahrung dürfte also noch überschaubar gewesen sein, als er den weiten Weg vom Norden Deutschlands in den südöstlichsten Landkreis Bayerns antrat. Alleine den Hochkalter zu besteigen, sei zwar durchaus möglich, sagt Rudi Fendt. „Aber nur bei schönem Wetter und wenn man viel Erfahrung mit sich bringt.“

Rudi Fendt hat in den vergangenen 45 Jahren bei der Bergwacht hunderte Einsätze erlebt, Menschen gerettet und Tote geborgen. Selten habe er sich so herausgefordert gefühlt wie dieses Mal. „Da steckt so viel Tragik in der Sache“, sagt er. Selbstüberschätzung sei ein großes Problem. Vor allem in sozialen Medien werden Touren vermittelt, die gut aussehen, aber nicht für alle geeignet sind, betont er. „Die Sucht nach dem Abenteuer kann fatale Folgen haben.“

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