Vater gesucht, Brüder gefunden

von Redaktion

VON CHRISTIANE BREITENBERGER

Kentucky/Straßlach – Ein Brief veränderte Hans Schedniks Leben. In dem Umschlag steckten Hinweise, die ihn zu der Seite seiner Familie führten, nach der er sein Leben lang gesucht hatte.

Der 76-Jährige ist in Hebertshausen im Landkreis Dachau aufgewachsen, er ist einer von vielen Kindern, die während des Zweiten Weltkriegs aus Liebesgeschichten zwischen deutschen Frauen und US-Soldaten entstanden sind. Bis vor Kurzem wusste Hans Schednik nicht, wer sein Vater ist. Er hatte weder einen Namen, noch einen Heimatort. Alles, was er hatte, war: ein Foto. Sein Vater hatte es seiner Mutter geschenkt, bevor er wieder zurück in die Vereinigten Staaten beordert wurde. Er musste sie verlassen, bevor sie ihm sagen konnte, dass sie schwanger ist. Die Frage, wer sein Vater ist, hat Schednik durch sein ganzes Leben begleitet.

Heute lebt er mit seiner Frau in Straßlach im Kreis München. Er hält ein Tablet in der Hand. Auf dem Display ist ein Foto zu sehen, von zwei Männern, die stolz ihre Arme umeinander legen. Diese Bilder sind vor wenigen Wochen in Amerika entstanden – als Hans Schednik seine Brüder kennengelernt hat. Wenn er das Foto betrachtet, bekommt er glasige Augen und schüttelt den Kopf. Als könnte er die Geschichte selbst nicht glauben, die er grade erzählt.

Das Treffen mit seinen Brüdern verdankt er vielen glücklichen Zufällen. Es dauerte lange, bis er für die Suche nach seinem Vater bereit war. Seine Mutter war 17, als sie aus ihrer Heimat, der Ukraine, verschleppt wurde. Sie landete auf einem Hof in Hebertshausen – dort lernte sie einen jungen US-Soldaten kennen. Doch als er zurückbeordert wurde, brach der Kontakt zwischen den beiden plötzlich ab. Schedniks Mutter wusste nicht mal den Namen, sie sprach kein Englisch, er kein Deutsch. Sie heiratete später einen anderen Mann. Der 76-Jährige beschreibt seinen Stiefvater als einen „sehr bösen Mann“. Seine Jugend sei geprägt gewesen von Gewalt und Schlägen. „Amerika durften wir nicht erwähnen“, erzählt er. Die Suche nach seinem leiblichen Vater schien ihm unmöglich – auch noch viele Jahre später, als er bereits erwachsen war.

Erst 2020, anlässlich des 75. Jahrestags des Kriegsendes, fasst er sich ein Herz und erzählt seine Lebensgeschichte in unserer Zeitung. Viele Leser melden sich bei ihm. Auch ein Mann, dessen Vater ebenfalls US-Soldat ist – und der ihn bereits gefunden hat. Er gibt Schednik Tipps. Er startet einen Versuch, seinen Vater über eine amerikanische DNA-Datenbank ausfindig zu machen. Ein halbes Jahr später hält er den Brief in der Hand, der ihn endlich zu der zweiten Hälfte seiner Familie führt.

Aus dem Brief erfährt er, dass er Verwandte in den USA hat. Eine Cousine verrät ihm das, was er sein Leben lang versucht hat zu erfahren: den Namen seines Vaters: James Adkins. Sein Vater war bereits gestorben, doch Schednik erfuhr, dass er noch sieben weitere Geschwister hat. Nur zwei Brüder leben noch. Lonnie Adkins wohnt mit seiner Frau Mary in Alaska, sein Bruder Billy Adkins lebt – wie früher sein Vater – in Pikeville, Kentucky. Als Hans Schednik die Fotos seiner Brüder sieht, kann er es erst nicht glauben: „Die sehen ja aus wie ich“, denkt er. Er nimmt Kontakt auf, die Freude bei seinen Brüdern ist groß. Sie schreiben sich viele Mails und WhatsApp-Nachrichten, Pakete werden hin- und hergeschickt. Im Juni steigt Hans Schednik mit seiner Frau Renate ins Flugzeug – er sieht seine Brüder das erste Mal. „Das war völlig irre“, erzählt er. „Ich kann nicht glauben, wie unglaublich herzlich wir empfangen wurden. Ich wurde sofort in die Familie integriert.“ Mit seinem 86-jährigen Bruder Lonnie geht er in Alaska angeln – die Angelrute war ein Geschenk in einem der vielen Pakete, die sich die beiden hin- und hergeschickt hatten. Mit seinem 82-jährigen Bruder Billy besucht er das Grab seines Vaters. Gemeinsam legen sie einen Gedenkstein nieder.

Schednik entdeckt nicht nur äußerliche Ähnlichkeiten zwischen sich und seinen Brüdern. „Wir sind alle drei Schlitzohren“, sagt er und lacht. „So wie scheinbar auch mein Vater ein Schlitzohr war.“ Drei Wochen verbringt er in Amerika, der Abschied fällt ihm schwer. „Wieso hab ich meine Brüder nur nicht eher gefunden“, sagt Schednik und betrachtet die Bilder auf dem Tablet. Noch immer schreiben sie sich fast täglich und planen bereits das nächste Wiedersehen. Diesmal in Deutschland – wo die Spurensuche begonnen hatte.

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