Baiern – Mancherorts sind das Kirchweih-Fest und seine Traditionen fast vergessen. In Baiern (Kreis Ebersberg) wird der „Kirta“ aber noch mit allem Drum und Dran gefeiert. Ein Besuch in den Dörfern Antholing und Netterndorf.
Tradition mit Schwung: Kirta-Hutschn
So hoch hutschen, als würde man fliegen – für die Kinder vom Trachtenverein Bairer Winkler ist das das schönste an Kirchweih. Und zum Kirta-Hutschn braucht es gar nicht viel: Ein Holzbalken hängt in einem Stadl an zwei Ketten vom Dachgebälk. Für den Schwung springt die elfjährige Agnes auf, greift die Kette und geht in die Knie – die anderen Kinder kreischen vor Freude. Eine Woche im Jahr ist die Kirta-Hutschn auf dem Bau’rn-Hof der Familie Hoiß das Highlight – immerhin ist sie die einzige in ganz Baiern.
Erzählen die Kinder in der Schule von ihrem aktuellen Lieblingsspielplatz, klingt das für viele Klassenkameraden fast exotisch. „Auf dem Gymnasium in Grafing kennt das keiner“, erzählt die zehnjährige Mina. Schiefe Blicke hat auch Agnes in der Realschule in Ebersberg geerntet. Dass der Brauch immer mehr verschwindet, ist den Eltern hier im Bairer Winkl bewusst. Schade, finden Andrea und Anton Hoiß, denn auf der Kirta-Hutschn haben auch Erwachsene schon Feste gefeiert. „An Kirta geht es ums Zusammenkommen“, sagen sie. „Als Kinder sind wir schon vor der Schule aufgesprungen. Wir sind mit dem Brauch aufgewachsen und wollen ihn weitergeben.“ Bis zu 20 Kinder kommen am Kirta-Sonntag vorbei. Für die ganz Kleinen ist das Hutschen noch nichts, aber ab vier Jahren und unter Aufsicht wagt sich der Nachwuchs ran.
Die Kinder haben dieses Jahr noch eine Mission: Sie wollen einen weiteren Bauern in Netterndorf bitten, seine Kirta-Hutschn wieder aufzubauen. „Mit ihren längeren Ketten schaukelt man noch höher“, sagt Agnes. Die Erwachsenen freut der Plan, immerhin gab es mal Zeiten, in denen sie zum Hutschen von Hof zu Hof ziehen konnten.
Rosi Sigl „zwickt“ die Kirta-Nudeln
Rosi Sigl hat als Madl das Nudelbacken von ihrer Oma gelernt, auf einem Holzofen mit Eisentopf und schwerem Holzdeckel. „Damals hat es einen ganzen Tag gedauert, bis genug für die ganze Familie fertig war“, erinnert sie sich. „Heute reichen zum Glück ein paar Stunden.“
Traditionelles Schmalzgebäck kommt bei Familie Sigl in Antholing das ganze Jahr über auf den Tisch. Zu Kirchweih aber gibt es „gezwickte“ Kirta-Nudeln. Dafür nimmt die 54-Jährige ein Teigbällchen und schneidet mit einer Schere ein X hinein. „Es klappt besser, wenn die Schere vorher ins Butterschmalz getunkt wird“, sagt sie und lässt die Kugel ins heiße Fett gleiten. Drei Minuten warten, wenden, herausfischen und zuckern – eine süße Sünde.
Als Konditormeisterin beim Café Schweiger in Glonn backt Sigl bis Kirchweih Nudeln im Akkord: „Von zwei Uhr nachts bis zehn Uhr am Vormittag. Und daheim geht es weiter.“ Nicht nur ihre Familie muss Sigl verköstigen, auch im Trachtenverein Bairer Winkler sind ihre Nudeln gefragt. „Als mein Mann und ich frisch verheiratet waren, sind die Trachtler an Kirta in Scharen vorbeigekommen und haben Nudeln serviert bekommen.“
Es ist Tradition bei den Trachtlern, dass die „Kirta-Schar“ alle Mitglieder, die nach der Hochzeit nicht mehr aktiv platteln und drehen, besuchen. „Wilde Feiern! Jemand spielt Gitarre oder Steirische Harmonika, der Teppich daheim wird weggerollt und alle tanzen.“
100 halbe Enten und viel Kirta-Bier
50 Enten schiebt Thomas Gröbmeyer am Kirchweih-Sonntag in den Ofen. Wenn der Gottesdienst in Antholing vorbei ist, fahren viele Bairer nur einen Hügel weiter – zu ihm in den Gasthof Netterndorf. Traditionell geht man an Kirchweih eben zum Wirt und isst Gans oder Ente. 18 Euro kostet die halbe Ente samt Beilagen heuer bei den Wirtsleuten Gröbmeyer. Wer vorab bei Wirtin Annemarie Gröbmeyer reserviert hat, wurde gefragt, ob Ente bestellt wird – so ist garantiert genug für alle da.
„Der Stammtisch ist am Sonntag bestimmt schon zum Frühschoppen von Nicht-Kirchgängern besetzt“, sagt die Wirtin und lacht. Ihr Mann kümmert sich in der Küche um die Enten, Blaukraut und Knödel. Sie selbst schenkt Gästen auf Wunsch auch ein spezielles Kirta-Bier aus – das starke Märzen der Brauerei Maxlrainer. CORNELIA SCHRAMM