Weilheim – In Weilheim gibt es seit Januar einen elektronischen Supermarkt, der rund um die Uhr geöffnet hat. Dort gibt es Lebensmittel, Snacks, Getränke – und Klopapier. Allerdings kein gewöhnliches. Sondern eins mit Putins Konterfei darauf. Das führte nun zu einem Polizeieinsatz im Selbstbedienungsladen. Wir sprachen mit dem Betreiber Felix Schimke-Klubuk (33), der zusammen mit seiner Frau Myroslawa (30) fast wöchentlich Hilfsgüter in die Ukraine schickt.
Was war da los am Donnerstag in Ihrem Selbstbedienungs-Supermarkt?
In dem Geschäft sind momentan verschiedene Artikel ausgestellt für die Ukraine-Hilfe. Lebensmittel, Kunst … – die können erworben werden, der Erlös geht direkt in die Ukraine. Wir bieten auch Klopapier mit Putin drauf an, eine Rolle kostet zehn Euro. Das ist sehr beliebt und hat bislang immer zu großer Freude bei den Kunden führt. Aber am Donnerstag nicht, da gab es Ärger.
Erzählen Sie mal.
Eine Gruppe Jugendlicher war in dem Laden, sie haben das Klopapier angeschaut, und einer hat Putin als Hurensohn bezeichnet. Das führte zu einer Rangelei. Einer der Jugendlichen, dem Akzent nach russischer Abstammung, war derart unzufrieden mit der Darstellung seines geliebten Präsidenten, dass er gleich den Notruf der Polizei wählte.
Woher wissen Sie das alles so genau?
In dem Geschäft gibt es ja keinen Verkäufer, deshalb ist dort eine Überwachungskamera mit Mikrofon installiert. Nachdem die Polizei da war, habe ich mir das Video angeschaut.
Die Polizei kam also tatsächlich wegen einer Rolle Putin-Klopapier?
Ja, sie kam schon nach 13 Minuten. Das ist sehr schnell für eine Rolle Klopapier. Ich war zufällig vor Ort und konnte mit den Beamten sprechen.
Die Polizei wollte vermutlich wissen, warum Sie Klopapier mit Putin-Gesicht im Sortiment haben…
Das ist eine Kunstaktion, der Erlös aus dem Verkauf soll Menschen in der Ukraine helfen. Meine Frau ist ukrainische Kinderärztin. Ich denke, das Klopapier ist von der Kunstfreiheit gedeckt – und auch die Bezeichnung „Putler“, also die Wortkreation aus Putin und Hitler, die auf einem handgeschriebenen Aufsteller neben dem Klopapier steht. Das Wort ist in Osteuropa und Zentralasien völlig gängig. In Kiew habe ich das Wort vorige Woche zig- mal gehört.
Sie waren in Kiew?
Ja, meine Frau und ich fahren regelmäßig dorthin. Vermutlich ist das gefährlich, wir bekommen häufig Luftalarm mit. Neulich ist etwa 200 Meter neben der Wohnung, die wir anmieten, wenn wir dort sind, eine Bombe eingeschlagen. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon nicht mehr da, aber der Schock ist krass, wenn man weiß: Das hätte uns erwischen können.
Was machen Sie in der Ukraine?
Meine Frau hat dort viele Kollegen, wir bringen Medikamente, Hilfsmittel – bislang im Wert von rund einer Million Euro. Wir arbeiten Hand in Hand mit dem Landkreis Weilheim-Schongau, dem Bayerischen Roten Kreuz und werden unterstützt von Firmen, Vereinen und sehr vielen Privatpersonen. In der Ukraine helfen wir zusammen mit Behörden verschiedenen Projekten. Es gibt dort unter anderem ein Kinderkrankenhaus, dem wir besonders helfen. Oft hören wir, dass Ärzte mit krebskranken Kindern im Bunker sitzen müssen. Neulich detonierte auf der anderen Straßenseite der Klinik eine Bombe. Eine Kollegin meiner Frau, eine Kinder-Onkologin, starb auf dem Weg in die Arbeit. Meine Frau fand es deshalb ziemlich lächerlich, dass in Oberbayern die Polizei so schnell kommt wegen einer Rolle Klopapier. Und in der Ukraine sterben Kinderärzte.
Hatten Sie zum ersten Mal Probleme wegen Kritik an Putin?
Wir haben auch putinkritische Kunstwerke, zum Beispiel Karikaturen oder Bilder ukrainischer Künstler, die wurden manchmal abgerissen oder verschmiert. Aber weil dieses Klopapier humoristisch ist, gab es darauf bislang nur positive Reaktionen. Verkauft haben wir bislang vielleicht fünf Stück. Das ist eher ein Scherzartikel. Der Hauptbeitrag kommt über Spenden.
Wollen Sie das Klopapier weiterhin verkaufen?
Gerade ist es ausverkauft. Aber wir werden noch viel mehr putinkritische Sachen aufnehmen. Meine Frau lässt sich von den Bomben in Kiew nicht einschüchtern, dann werde ich mich auch nicht von einer Bande Jugendlicher in Oberbayern einschüchtern lassen.
Ermittelt die Polizei denn jetzt gegen Sie?
Ich habe mich auf die Kunstfreiheit berufen. Ich glaube, die bayerische Polizei hat eine klare Haltung gegenüber Diktaturen, das konnte ich auch bei den Polizisten wahrnehmen. Die Polizei hat kein Interesse daran, die russische Diktatur in irgendeiner Art zu schützen. Inzwischen habe ich erfahren, dass die Polizei nach Rücksprache mit mehreren Fachabteilungen festgestellt hat: Es liegt strafrechtlich nichts gegen mich vor.
Wollen Sie mit dem Jugendlichen reden, der die Polizei gerufen hat?
Ich kenne ihn nicht. Aber wenn ich ihn noch mal sehe, werde ich ihm Bilder von Massengräbern in der Ukraine zeigen, die sein Präsident verursacht hat. Wer das Leid in der Ukraine sieht, überdenkt seine Einstellung zu Diktaturen. So lustig der Vorfall erscheint, die Situation in der Ukraine ist todernst.
Interview: Carina Zimniok