München – Niels Hartwig ist einer von 1185. So viele Menschen aus Tutzing im Kreis Starnberg pendeln zu ihrem Arbeitsplatz nach München. Hartwig (61) fährt seit 1998 jeden Arbeitstag mit dem Zug zum Hauptbahnhof, 40 Minuten ist er unterwegs. In der Zeit liest er oder schreibt Mails. „In sechs Wochen gehe ich in Rente“, sagt der Siemens-Mitarbeiter. „Fehlen wird mir das Pendeln nicht.“
Kaum einer pendelt so richtig gern, aber in keine andere Stadt in Deutschland pendeln so viele Menschen wie nach München. München ist mit großem Vorsprung deutsche Pendlerhauptstadt, bis zu 503 600 haben hier ihren Arbeitsplatz – leben aber anderswo. Auf den Plätzen zwei und drei liegen Frankfurt und Hamburg mit gut 445 000 und knapp 427 000 sogenannten Einpendlern.
Ein Blick auf die München-Pendler zeigt, dass die meisten aus Augsburg (11 950), Dachau (10 725) und Berlin (10 290) kommen, es folgen die Speckgürtel-Orte Germering, Unterhaching, Unterschleißheim, Olching, Karlsfeld, Freising und Fürstenfeldbruck. Aber es gibt auch Münchner, die aus der Stadt herauspendeln: Die meisten (11 166) nach Unterföhring im Landkreis München, wo zum Beispiel die großen Arbeitgeber ProSiebenSat.1 und Allianz sitzen. Knapp 1800 kommen aus dem Speckgürtel, dazu Berliner und Augsburger. Das beschert dem Ort im Kreis München den Spitzenplatz unter den Pendlerzielen in Bayern, was die Pendlerquote angeht. 94 Prozent. Zum Vergleich: München hat eine Pendlerquote von 45,6 Prozent.
Das alles sind neue Zahlen, die die Statistischen Ämter der 16 Bundesländer gestern mit ihrem „Pendleratlas“ veröffentlicht haben. Eine interaktive Karte zeigt für jede Kommune, woher die Einpendelströme kommen und wohin die Auspendelströme gehen. Also: Wie viele pendeln aus Tutzing nach München? Nach Starnberg? Oder Planegg? „Die Daten könnten für die Verkehrsplanung eine Rolle spielen“, sagt Bettina Lanzendörfer vom Statistischen Landesamt in Fürth. Hohe Pendlerzahlen sind seit Jahren ein brisantes Thema für Politik und Behörden.
Das Zahlenmaterial ist umfangreich wie nie: „Bislang hat man nur Daten aus den Arbeitsagenturen ausgewertet“, sagt Lanzendörfer. Erfasst wurden also nur sozialversicherungspflichtig Angestellte. Jetzt wurden erstmals Angaben zu Wohnort und Arbeitsplatz betrachtet – und daraus die Zahl der Pendler errechnet. Deshalb fließen auch Selbstständige, Beamte und Minijobber in die Statistik ein. Allerdings wird nicht erfasst, ob und wie oft die Pendler tatsächlich zu ihrer Arbeitsstelle fahren – oder welchen Anteil das Homeoffice hat. Eine Entwicklung der Pendlerzahlen kann man erst dann ablesen, wenn der Atlas wie geplant künftig jährlich veröffentlicht wird.