Aßling – Sie haben die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts überlebt. Nun, wenige Wochen nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands, befinden sich die Soldaten auf dem Weg nach Hause. Dann passiert ein Fehler mit fatalen Folgen: Ein mit amerikanischen Panzern beladener Güterzug fährt ungebremst auf den Viehzug der Männer, der wegen eines Maschinenschadens stehen bleiben musste. Die Landser in den hölzernen Waggons werden zerquetscht. In der Nacht vom 16. Juli 1945 finden 106 aus Westfalen und dem Rheinland stammende Soldaten bei Aßling im Kreis Ebersberg einen Tod, der auf den Schlachtfeldern kaum brutaler hätte sein können. „Das Zugunglück ist das größte der Nachkriegszeit“, sagt Simon Viktor.
Lange hat der 38-Jährige überlegt, warum es in der Geschichtsschreibung bislang kaum eine Rolle spielt. „Es mag daran liegen, dass sich diese Tragödie im Windschatten einer noch viel größeren, dem Zweiten Weltkrieg, ereignet hat“, vermutet der Philosoph, der selbst aus Aßling stammt. Auch im kollektiven Gedächtnis seines Dorfes wabere das Unglück nur sehr unscharf. Ihm spukte es aber schon seit einer Zeit im Kopf herum. Dann kam die Pandemie und der Lockdown. Als Künstleragent und TV-Autor hatte er plötzlich sehr viel Zeit. „Ein Buch zu schreiben schien mir eine Möglichkeit, um weiter selbstbestimmt zu arbeiten“, erklärt Viktor.
Für seine akribischen Recherchen stellte ihm das Grafinger Stadtarchiv „meterweise Material“ zur Verfügung, berichtet er. Auch im Archiv des BR wurde er fündig. Durch ganze Dokumentenberge der Reichsbahndirektion, der amerikanischen Militärregierung und des ehemaligen Aßlinger Gendarmeriepostens hat er sich gebissen. „Das klingt trocken, war aber ungemein spannend“, betont er. „In dem Material stecken so viele unglaubliche Geschichten. Ich musste eher weglassen als dazuzuerfinden.“
Entstanden ist der Roman „Durch die Welt ein Riss. Das Zugunglück von Aßling 1945 – Geschichte einer Tragödie“. Das Ende ist von Anfang an bekannt. Viktor schildert die wahre Geschichte der 1200 zuvor in Bad Aibling internierten Soldaten aus der Perspektive fünf fiktiver Protagonisten. Das Tempo aber, mit dem das Buch auf die Nacht des Unglücks zurast, ist dem rasanten Schreibstil Viktors geschuldet. Verfasst hat er die verschiedenen Erzählstränge alle einzeln, um sie erst später miteinander zu verweben. Geschrieben hat er im Keller – zwischen Akten, Klamotten und Laufrädern, im Schein einer Akkulampe und neben einem Heizstrahler. Maximal eine Stunde am Tag tauchte er in den Keller seiner Neuhauser Wohnung ab. Fünf Wochen hat es gedauert, dann hatte er das Buch fertig.
Simon Viktor hatte von seiner Großmutter von dem tragischen Zugunglück erfahren. Sie erzählte ihm, wie sie als Kind im Nachbardorf die Schreie der Verletzten und Sterbenden hörte. Sein Uropa war den Eingeklemmten damals zu Hilfe geeilt. Dass Simon Viktor, bisher im Genre Comedy beheimatet, ins ernsthafte Fach wechseln würde, war auch für ihn nicht absehbar. „Zumal ich mir die Frage, was aus mir mal werden soll, bis heute nicht gestellt habe“, sagt der er und grinst. „Bisher hat sich immer eins aus dem andern ergeben.“ Ein Studium der Tontechnik und Komposition, ein weiteres zum Geisteswissenschaftler, ein Tonstudio im Kuhstall, Touren mit Ska-Bands, Episoden als Barkeeper und Tellerwäscher, aber auch ein Abstecher in die deutsche Botschaft in Tirana reihen sich im Lebenslauf des zweifachen Vaters aneinander.
Seit knapp einem Jahr lebt Simon Viktor mit seiner Familie in Dießen am Ammersee. Seine Frau arbeitet als Stadtplanerin, er begleitet seine jüngste Tochter bei der Krippen-Eingewöhnung. Und sollte er seine Idee zum zweiten Buch umsetzen und er dafür ein historisches Ereignis von 1888 in Romanform gießen, gäbe es diesmal sogar einen Arbeitsplatz mit Tageslicht und Heizung.