1972 war das Jahr, in dem US-Präsident Richard Nixon wiedergewählt wurde. In dem der FC Bayern (damals schon) souverän auf Platz 1 stand und die Löwen in einer Regionalliga dümpelten. Im Kino lief „Vier Fäuste für ein Halleluja“ – und das war ja irgendwie auch passend: Deutschland 1972 war polarisiert wie wohl nie. Es war das Jahr der Willy-Wahlen: Willy Brandt, seit 1969 Bundeskanzler, war so etwas wie der personalisierte gesellschaftliche Aufbruch – gegen den die Union damals wütend anrannte.
Nur zwei Monate nach dem Olympia-Attentat, das internationale Schockwellen warf, wogte der Bundestagswahlkampf in ganzer Schärfe. Damals oft zu hören war in rechtskonservativen Kreisen die spitze Bemerkung, Willy Brandt heiße ja in Wahrheit „Herbert Frahm“ und sei ein Emigrant. Im Merkur verbat sich der damalige Chefredakteur Kurt Wessel „kaschubische Rüpeleien“ des SPD-Wahlhelfers Günter Grass und unterstellte dem Schriftsteller (geboren in Danzig) polnischen Hintergrund. Wirtschaftsverbände malten in schrillen Wahlanzeigen sozialistische Experimente andie Wand. Schauspielerin Uschi Glas warb für die CSU, mit ihr Roberto Blanco und Roy Black, der auf einer CSU-Wahlpartei „Schmalz eimerweise über die begeisterten Zuhörer“ goss, wie ein Merkur-Journalist schrieb. Dagegen stand die Werbekampagne vieler Schauspieler und Intellektueller für die SPD – von Inge Meysel über Grass bis hin zu Sebastian Haffner.
Im Bundestag überschlugen sich die Ereignisse. Nachdem wegen Brandts Ostpolitik 1972 vier FDP- und drei SPD-Abgeordnete zur Union übergetreten waren, hatte die SPD/FDP-Koalition ihre Mehrheit verloren. Rainer Barzel, damals Unionsfraktionschef, witterte seine Chance. Doch dann verfehlte Barzel in einem konstruktiven Misstrauensvotum Ende April 1972 die absolute Mehrheit um zwei Stimmen – wie später herauskam, waren zwei Abgeordnete, Leo Wagner von der CSU und der CDU-Abgeordnete Julius Steiner, von der DDR bestochen worden. Da Brandt aber trotzdem keine konstruktive Mehrheit mehr hatte, kam es zur Neuwahl am 19. November.
Die gewann die SPD phänomenal: Bei den Willy-Wahlen mit einer Wahlbeteiligung von 91,1 Prozent (!) erzielte die SPD triumphale 45,8 Prozent – was zusammen mit der FDP (8,4 Prozent) deutlich zur Mehrheit reichte. Die Union kam (mit Verlusten) auf 44,9 Prozent. „Willy Brandt war es gelungen, in der Bundesrepublik gesellschaftliche Aufbruchstimmung zu erzeugen“, bilanziert der Historiker Horst Möller.
Nur die CSU in Bayern hatte entgegen dem Trend leicht auf 55,1 Prozent zugelegt. Der bayerische Löwe war daher auf Groll getrimmt. Noch blieb der gescheiterte Kanzlerkandidat Rainer Barzel als CDU-Chef und Oppositionsführer im Amt (er wurde 1973 durch Helmut Kohl und Karl Carstens abgelöst). Doch Strauß wäre nicht Strauß gewesen, hätte er die Schwäche der Schwesterpartei nicht ausgenutzt. Er ließ Spekulationen über eine Aufkündigung der Fraktionsgemeinschaft laufen.
Eine Woche nach der Wahl erschien im „Münchner Merkur“ die Schlagzeile „Die CSU künftig als Bundespartei?“. Es sei nicht auszuschließen, dass die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag platze – Strauß habe erklärt, sie werde es „nicht um jeden Preis“ geben. Auch CSU-Generalsekretär Gerold Tandler nährte solche Gerüchte. Es gab aber auch Gegenwind: Zehn Bürgermeister aus dem Landkreis Starnberg etwa protestierten eilends per Telegramm, auch CSU-Landesgruppenchef Richard Stücklen war an ihrer Seite. Paul Pucher, später einflussreicher Chefredakteur des Merkur, war nicht ganz so abgeneigt: Er kommentierte, die Versuchung der CSU, „künftig als Bundespartei eigene Wege zu gehen“, sei „verständlicherweise groß“. Die CSU habe „Anhänger auch außerhalb des Freistaats“.
Die Trennungsgerüchte verebbten bald wieder. Ölkrise, die Inflation (zeitweise über zehn Prozent), Arbeitslosigkeit prägten das Jahr 1973 – und dann führte der bei Brandt platzierte Stasi-Agent Guillaume 1974 zum Sturz des Wahlwunders Willy. Und die CSU? Sie setzte ihre Gedankenspiele einer bundesweiten Ausdehnung erst 1976 beim legendären Kreuther Trennungsbeschluss um – knickte aber nach einer Woche ein. DIRK WALTER
CSU bundesweit
– das war schon 1972 eine Option