Starnberg – Glaube, Liebe und Hoffnung sind die wichtigsten Tugenden eines guten Menschen. So erklärt es Paulus im „Hohelied der Liebe“. Unsere Adventsserie dreht sich ebenfalls um sie. Wir besuchen Menschen und sprechen mit ihnen über je eines der berühmten drei Worte. Anton Modl aus Starnberg macht den Anfang.
Weihnachten 2011: Für die Christmette in St. Michael in Hanfeld gibt es keine Nachwuchs-Ministranten mehr. Modl und vier weitere Senioren wollen helfen. Als Kind haben alle ministriert – viel können sie in 50 Jahren ja nicht verlernt haben. Heute ist Modl 79 und ministriert fast jeden Sonntag. In über 100 Messen hat er aus der Bibel vorgelesen, dem Pfarrer Wein gereicht und das Opfergeld gezählt. Im Alter genießt er das mehr denn je – weil er seinen Glauben so aktiv lebt.
Herr Modl, werden Sie oft für den Pfarrer gehalten?
Das passiert schon mal. Einmal kam der Pfarrer nicht, sodass ich einen Wortgottesdienst gehalten habe. Da waren die Leute verwirrt. Und einmal waren wir fünf Senior-Ministranten am Karfreitag gemeinsam in Perchting bei der Kreuzesverehrung – da war der Altar voll und die Leute haben gefragt, warum heute so viele Pfarrer da sind.
Damals oder heute: Wann war Ministrieren schöner?
In meiner Jugend ging es mir als Oberministrant auch viel um die Gemeinschaft. Nach der Messe gab es damals Würstl und Limo. Und einmal saß fast die ganze Katholische Jugend bei mir daheim beim Fernsehschauen auf einem Buchenbett – bis es zusammengebrochen ist (lacht) .
Was ist heute anders?
Im Alter kommt mir alles ehrwürdiger vor. Ich bin Witwer – und durch das Ministrieren fühle ich mich gebraucht. Am meisten Freude habe ich an den Vorlesungen.
Als alter Hase – kontrollieren Sie die jungen Minis?
Manchmal ministrieren bei uns in Hanfeld auch wieder junge Ministranten. Denen gebe ich Tipps, etwa wie sie Wein und Wasser nicht verwechseln. In Starnberg beobachte ich als normaler Kirchgänger aber alles genau – und sehe Patzer: Bei der Wandlung wird das Glockenläuten mal verpasst oder der Auszug wirkt unkoordiniert. Aber das lernen die schon noch.
Wo haben Sie selbst als Bub gepatzt?
Wegen des Weihrauchs bin ich früher öfter umgefallen – heute bin ich daran gewöhnt. Herausfordernd war damals auch das Stufengebet auf Latein, das es heute nicht mehr gibt. Bei schwierigen Passagen haben wir Buben einfach ein bisserl genuschelt (lacht).
Und heute?
Man wird nicht jünger. Knien geht noch, aber Aufstehen fällt mir schwerer. Ich muss mich an der Wand einhalten.
Waren die Pfarrer früher strenger?
Ich war damals ein größerer Lausbub! Wenn wir Hund’ wieder Messwein getrunken haben, haben wir schon öfter mal Watsch’n bekommen.
Wer ist Ihr Lieblingspapst?
Papst Johannes XXIII. hat mich beeindruckt, weil ich ihn einst live erlebt habe. Er wird zu Recht der gute Papst genannt, da er viel bewegt hat. Er ist ein Vorbild, weil er für die Gleichberechtigung von Mann und Frau war.
Und Ihr Lieblingsheiliger?
Der heilige Antonius. Er ist mein Namenspatron, der meines Vaters und auch der meiner Enkelin Antonia. Außerdem ruft man ihn an, wenn man etwas verloren hat. Brille oder Schlüssel – ich finde zwar alles wieder, verlege aber öfter mal was. (lacht)
Ihre liebste Bibelstelle?
In der Weihnachtslegende nach Lucas beten wir im Friedensrosenkranz zu Jesus, bei dessen Geburt ein Engel den Frieden verkündete. Das ist mein liebster Vers. Die Menschen sollen sich nicht fürchten, denn der Retter ist geboren – ein Friedenszeichen.
Was würden Sie Jesus gerne fragen, wenn Sie ihn treffen dürften?
Warum lässt Du so viel Elend in der Welt zu? Diese Frage reicht ja für ein ausführliches Gespräch mit dem Heiland.
Glauben Sie an Engel?
Unbedingt! Erschienen ist mir zwar noch keiner. Aber Schutzengel geben einem eher das Gefühl, dass jemand da ist und den Weg weist.
Wann stand Ihnen ein Schutzengel zur Seite?
Mitten in der Lehre musste ich eine Entscheidung treffen, die mein Leben geprägt hat. Nach der Beichte war ich sicher, dass ich studieren sollte. Nur so bin ich Diplomingenieur für Wirtschaft und Betriebstechnik geworden.
Haben Sie je an Gott und Glaube gezweifelt?
Nie. Meine Frau Marianne ist vor vier Jahren neben mir im Schlaf gestorben. Nachts habe ich noch mit ihr gesprochen und ihr das Kopfteil gerichtet – am Morgen war sie tot. Der Pfarrer kam zur letzten Ölung und zum Gebet. Ich weiß nicht, was ich damals ohne meinen Glauben gemacht hätte. Bis heute würde ich es ohne nicht schaffen.
Katholiken glauben an ein Leben nach dem Tod: Wie schaut das Paradies aus?
Gehen wir davon aus, dass ich nicht im Fegefeuer lande: Christus hat mal gesagt, dass es im Himmel keine Ehe mehr gibt. Ich hoffe trotzdem sehr, dass ich meine Frau wiedertreffe und mit ihr glücklich sein kann. Ansonsten heißt es, man kann am Tisch des Herren sitzen. Da würde mir ein Helles schmecken.
Sie haben zwei Töchter – was an Glauben haben Sie ihnen mitgegeben?
Das Beten ist am wichtigsten – es tröstet und gibt uns auch in Notlagen Halt. Ich selbst bete jeden Abend ein Vaterunser und ein Gegrüßet seist du Maria. Immer dann bin ich meiner Frau und meine Töchter ihrer Mutter nah.
Welche Rolle spielt da Weihnachten?
Es ist das Fest der Familien. Es geht nicht ums Festmahl oder die Geschenke, sondern um das Zusammensein. Meine Frau, meine Töchter und ich haben alle im Kirchenchor gesungen – und so klang bei uns daheim auch Heiligabend nach der Christmette.
Wenn Sie an der Institution Kirche etwas ändern dürften, was wäre das?
Es gibt Reformbedarf. Ich befürworte den Synodalen Weg und hoffe, dass die Kirche sich für die moderne Zeit öffnet. Wenn es nach mir geht, dürften Frauen auch Pfarrer sein – weil Gottes Geschöpfe alle gleich sind. Dass Pfarrer nicht heiraten dürfen, halte ich für ein Unding. Sie sollten frei entscheiden dürfen, ob sie zölibatär leben oder nicht.
Interview: Cornelia Schramm