Valley – Matthias Muth, 49, Landwirt und Jäger, steht neben einem riesigen Fichtenstumpf mitten im Wald bei Valley (Kreis Miesbach) und erzählt über die Jagd. Dass er in diesem Jahr acht Rehe geschossen hat. Dass er keinen Zaun um die Jungbäume zieht. Dass er manchmal angefeindet wird als jemand, der die Rehe ausrottet. Da freut ihn das Lob von Richard Mergner, dem Chef vom Bund Naturschutz in Bayern. „Das hier ist ein Zukunftswald, wie wir ihn brauchen“, sagt Mergner, der den Besuch bei Muth organisiert hat.
Der Anlass dieses Termins ist ein Buch von Rudolf Neumaier, dem Chef des Landesvereins für Heimatpflege. Er verteidigt in dem Buch vehement das Lebensrecht des Rehs und schießt Salve um Salve gegen das angebliche „Rehtötungskartell“ ab, das Förster und Naturschützer gebildet hätten. Neumaier, früher Journalist, hat vor vier Jahren den Jagdschein gemacht. Sein Buch feiert in Jägerkreisen große Erfolge. Neuerdings wurde dieser „Jungjäger“ (Muth) sogar zum Kreischef der Bayerischen Jäger in Altötting gewählt.
Die vier Männer im Wald sehen die aufkeimende Diskussion mit Sorge. Sie setzen sich für die „naturgerechte Jagd“ (Mergner) ein. Ohne viele Abschüsse gehe das nicht. Und das wollen sie hier im Wald zeigen.
Fahles Licht schrägt durch die Bäume, es ist kalt, erster Schnee. Es fallen Sätze, glasklar, manche mögen sie auch für eiskalt halten. Ansichtssache. „Das Reh ist keine heilige Kuh“, sagt Richard Mergner. „Für mich ist Jagd Handwerk“, sagt Matthias Muth.
Hans Kornprobst, 80, hat die Gruppe in seinem Mercedes hoch in den Wald gefahren. Als er 1975 Chef des Forstamts Schliersee wurde, erzählt Kornprobst, hätten Rehe Tannen und Laubwald „zusammengefressen“. Die Waldbauern bestrichen in iher Not die zarten Baumknospen mit einem Kuhmist-Kalk-Gemisch, weil das die Rehe nicht mögen. So krass ist es nicht mehr. Doch auch heute sind manche lieber nicht mit dem Gewehr, sondern mit Wolle oder Plastikklips unterwegs, um einzelne Bäumchen zu schützen – „Schafwoll-Jäger“ nennt sie leicht spöttisch Muth.
Bei der Masse an Wald im Landkreis Miesbach ist der Individualschutz für Bäume eher eine Notmaßnahme. Man könne nicht Wildzäune „von München bis Peking“ bauen, spottet Kornprobst – und überhaupt: Wo komme man da hin, Wald einzuzäunen?
Nur: Wie schützt man den Wald denn dann? Die Antwort war für Kornprobst der konsequente Abschuss. Daran hält sich auch Matthias Muth. Er hat an der TU Landschaftsökologie studiert und besitzt seit 31 Jahren einen Jagdschein. „In unserem Revier gibt es keinen einzigen Zaun“, sagt er. Das Genossenschaftsrevier am nördlichen Ausläufer des Taubenbergs hat 400 Hektar Wald und ist in Pirschbezirke unterteilt. Jeder Jäger dort muss seine Abschüsse melden, insgesamt 25 bis 30 Rehe und Rehböcke jährlich sollen im Revier „entnommen“ werden. „Das ist der jährliche Zuwachs“, sagt Muth. „Und den Zuwachs schöpfen wir ab.“ Die Zahl steht im Abschussplan, den das Landratsamt genehmigt hat.
Sind 25 Rehe auf 400 Hektar Wald nun viel oder wenig? Niemand kennt die Anzahl der Rehe im Genossenschaftsrevier. Wie auch? Eine Art Volkszählung ist undurchführbar, und Wild wandert ja auch von einem Revier zum nächsten. Um die Zahl der abzuschießenden Rehe festzulegen, gibt es daher jährlich eine Waldbesichtigung durch das Miesbacher Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten mit anschließendem schriftlichen Bericht. Muth zeigt das zweiseitige Papier. „Die derzeitige Bestockung weist einen hohen Anteil gut gemischter Altbestände auf“, die Verjüngungssituation sei „sehr günstig“, der Verbiss „vorbildlich“ niedrig, heißt es in dem Bericht. Also Note 1.
Muth voraus, stapft die Gruppe durch den Wald. Tanne, Fichte, Buche – das sind die häufigsten Baumarten im Waldgebiet. Muth muss suchen, bis er verbissene junge Tannen findet. Wildverbiss ist in seinem Wald eine Seltenheit. Nicht jeder schießt so konsequent wie er. Hans Kornprobst berichtet über Abschüsse „auf dem Papier“. Gemeint ist: Manche schwindelten bei den Abschusszahlen, manches erlegte Reh existiere nur auf dem Papier. Sagt Kornprobst. Daher hält er auch den „körperlichen Nachweis“ bei den Abschüssen für unbedingt notwendig – notfalls müsse der Jäger das erlegte Tier halt dem Beamten vom Landratsamt zeigen.
Nur ein Viertel der Reviere im Landkreis Miesbach werde konsequent bejagt, vermutet Muth. Legendär und bei den Förstern verrufen ist die Praxis einer Jagdgenossenschaft, die ihr Revier an einen Industriellen verpachtet hat, der mit Abschüssen geizt. Klar, illustre Jagdgäste sollen ja gleich was vor die Flinte bekommen und nicht erst nach stundenlanger Warterei. „Vitamin B-Jagd“ nennt das Muth. Er stellt klar: „Die gibt’s hier nicht.“