Oberpframmern/Bozen – Rückenkraxe, Gürteltasche, Beil und Pfeil und Bogen: Vor 5300 Jahren wanderte Ötzi mit leichtem Gepäck über die Alpen. Jetzt bekommt der Mann aus dem Eis, dessen weltberühmte Mumie in Bozen, Südtirol, im Museum zu bewundern ist, neues Reisegepäck – und zwar aus Bayern.
Seine Überlebensausrüstung konnte Ötzi in der Kupfersteinzeit nicht retten: Mit einem Pfeilschuss im Rücken starb er hoch oben in den Ötztaler Alpen, wo ihn der Gletscher über Jahrtausende konservierte. Seine Entdeckung 1991: eine wissenschaftliche Sensation, die Steinzeitgeschichte in Teilen neu geschrieben hat. Ötzis Körper liegt heute bei konstanten sechs Grad minus in einer Kühlkammer im Südtiroler Archäologiemuseum.
Doch falls dort ein Feuer oder ein Erdbeben das Gebäude gefährdet, muss die unschätzbar wertvolle Eismumie schnellstens in die Bozener Uniklinik, wo permanent eine Kältekammer extra für diesen Fall bereitsteht. Transportiert in einer maßgeschneiderten Rettungsbox, hergestellt von der Modellbaufirma Schröter in Oberpframmern (Kreis Ebersberg).
Wo doppelgaragengroße Fräsmaschinen sonst 3D-Modelle für Auto- und Luftfahrthersteller formen, entstand aus zwei Millimeter dickem Leichtbau-Aluminium Ötzis neues Gepäckstück. Es sieht aus wie der Koffer für ein ungewöhnliches Musikinstrument. Innen ist der feuerfeste Weichschaum genau an die Körperform angepasst, basierend auf einem Computermodell. Damit die 1,54 Meter große Eismumie nicht beschädigt wird, wenn es bei einer Bergung hektisch wird oder der Koffer mal einen Rempler abbekäme.
Für die Ösen, Griffe und Schließen hat sich die Firma Schröter Expertise bei der Feuerwehr im nahen Grafing geholt – wenn es schnell gehen soll, können ihn zwei Helfer gut heben, notfalls sogar einer allein. Für den Ernstfall steht die Box ganz nah an Ötzis Museums-Kühlkammer bereit. Die Bozener Feuerwehr hat einen ausgetüftelten Zugriffsplan, packt den 13 Kilo schweren, 5300 Jahre alten Leichnam in sterile Tücher und in die Rettungsbox. So gelingt die Flucht durchs Treppenhaus oder per Drehleiter durchs Fenster, ohne dass die filigranen, gefrorenen Gliedmaßen brechen.
Hergestellt habe man den Koffer quasi zum Freundschaftspreis von 5000 Euro, sagt Firmenchef Maximilian Lörzel: „Der Ötzi ist mal ein Schmankerl!“ Wie wichtig er für die Südtiroler ist, zeigt sich nicht nur am Andrang auf das Museum. Schon bei seinem „Heimtransport“ aus Innsbruck reiste Ötzi 1998 auf der für ihn gesperrten Brenner-Autobahn. Und wenn er für medizinische Untersuchungen in die nahe Uniklinik muss, dann geschieht der Transport spätnachts mit Polizei-Motorrad-Eskorte, wie zuletzt 2021. Jetzt reist Ötzi auch in so einem Fall mit neuem Gepäck.
Zustande kam der Kontakt zwischen der oberbayerischen Firma und dem Südtiroler Museum über den Gerichtsmediziner Oliver Peschel (58) aus Grafing, als Ötzis Konservator so etwas wie der Leibarzt der Eismumie. Er ist froh, dass es nun einen Ersatz für die klobige, gut 100 Kilo schwere bisherige Ötzi-Holzkiste gibt, die wohl nicht durchs Museumsfenster gepasst hätte. „Wir haben Blut und Wasser geschwitzt“, sagt Peschel über den jüngsten Transport der Mumie zur CT-Untersuchung. Peschel wird die neue, 42 Kilo leichte Alu-Kiste kommende Woche selbst im Kofferraum seines Volvo nach Südtirol bringen. Mit Lieferschein, versteht sich, damit er notfalls der Polizei erklären kann, was er da durch die Gegend fährt.