Der lange Weg zu barrierefreien Bahnhöfen

von Redaktion

Über 240 Stationen sind für Rollstuhlfahrer oder mit Kinderwagen schwer zu erreichen

VON DIRK WALTER

München – 20 Prozent der Bahnhöfe sind in Deutschland immer noch nicht stufenlos zugänglich. Diesen Wert hat die Allianz pro Schiene, ein Zusammenschluss von Bahnunternehmen, Umweltverbänden und Verbraucherorganisationen, vor Weihnachten ermittelt. Für Bayern ist der Wert sogar noch höher: 24 Prozent der gut 1000 Stationen sind für Rollstuhlfahrer oder auch Eltern mit Kinderwagen nur schwer zu erreichen. Beim Schlusslicht der Statistik, dem Saarland, sind es noch 40 Prozent. Angeführt wird die Rangliste von Schleswig-Holstein, wo eine Ausbauquote von 98 Prozent erreicht ist – also quasi jeder der 180 Bahnhöfe barrierefrei ist.

Zwar gibt es in Bayern Fortschritte beim Ausbau der Bahnhöfe mit Rampen und Aufzügen: Im Vergleich zum Jahr 2017 ist die Zahl der barrierefrei ausgebauten Bahnhöfe in Bayern um drei Prozent gestiegen. Doch weil fast jedes Mal ein Millionenbetrag fällig ist, geht es nur sehr langsam voran. Die Allianz pro Schiene mahnt hier mehr Engagement an: „Barrierefreiheit sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein“, sagt Geschäftsführer Dirk Flege. „Mehr Tempo beim Ausbau ist absolut wünschenswert.“

Wer wissen will, wo es konkret fehlt, muss nur ein wenig in Bayern rumfahren. In Kaufering zum Beispiel, einem Knotenpunkt der Strecken nach Lindau, München, Augsburg und Landsberg, sind die drei Bahnsteige zu niedrig, sie müssen auf den Standard 76 Zentimeter angehoben werden. Aufzüge fehlen auch, von einem Leitsystem für Blinde ganz zu schweigen. DB Netz hat für den Ausbau die Planfeststellung (gleichbedeutend mit einer Baugenehmigung) beantragt. Diese ist in Weißenburg/Mittelfranken an der Bahnstrecke Donauwörth – Nürnberg noch in weiter Ferne. Seit Jahren werben Politiker vor Ort für einen barrierefreien Ausbau. Zwar ist das Gleis Richtung Nürnberg problemlos zu erreichen. Um zum Gegengleis Richtung Treuchtlingen/Donauwörth zu gelangen, muss man aber erst eine Treppe runter, durch die Unterführung und dann wieder eine Treppe rauf. Ausbau-Perspektive: eher ungewiss.

Ein Sonderfall ist das S-Bahn-Netz München. Die Karte der Bayerischen Eisenbahngesellschaft zeigt etliche weiße Flecken – hier ist noch nichts passiert. Viel zitiertes Beispiel ist hier der Bahnhof Starnberg, der ohnehin vor sich hin rottet.

Andreas Schulz von Pro Bahn wäre es aber ohnehin am liebsten, die S-Bahn würde sich beim Kauf ihrer neuen Züge umstellen, um zumindest den Ein- und Ausstieg barrierefrei zu bekommen. Derzeit haben die S-Bahnen eine Einstiegshöhe von 96 Zentimetern – das gibt es sonst fast nirgendwo. Zum Problem wird das dort, wo Regionalzüge (Einstiegshöhe 76 Zentimeter) und S-Bahnen am selben Gleis ankommen. Ein Beispiel ist der Münchner Flughafen, wo auch der Regionalzug Üfex aus Regensburg hält. Das Problem wird noch größer werden, wenn erst die zweite Stammstrecke fertig ist, warnt Schulz. Denn dann sollen Express-S-Bahnen von Augsburg, Buchloe oder Landshut in die Münchner Innenstadt fahren. Da die Bahnhöfe im Außenbereich eine 76er-Höhe haben (in Buchloe aktuell sogar nur 55 Zentimeter), werden die Fahrgäste also in die Express-S-Bahn hochsteigen müssen.

Pro Bahn wirbt daher für eine Anpassung der S-Bahnen: die neue Generation der S-Bahn-Züge, für die derzeit die Ausschreibung läuft, müsse eine 76er-Einstiegshöhe haben. Dann freilich müssten wiederum viele der S-Bahn-Bahnsteige abgesenkt werden – auch die im jetzigen S-Bahn-Tunnel, was nach Lage der Dinge illusorisch sein dürfte.

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