München – Heiko Hawla ist seit 30 Jahren Fahrlehrer in Wolfratshausen. Und er trainiert nicht nur junge Menschen am Steuer. Immer wieder mal kommt es vor, dass Senioren ihre Reaktionsfähigkeit im Straßenverkehr testen wollen. Einige werden auch von ihren Kindern geschickt, erzählt er. Zum Beispiel, weil sie einen Schlaganfall oder Herzinfarkt hatten. Sie wollen mobil bleiben – aber auch sicher unterwegs sein. „Manche kommen sogar einmal pro Jahr“, sagt Hawla. Der 53-Jährige macht mit ihnen eine Beobachtungsfahrt. Danach stellt er ihnen ein Zertifikat aus. Hawla beurteilt von „sehr gut“ bis „mangelhaft“. Zum Beispiel, wie sich Fahrer an Kreuzungen verhalten oder wie sie Gefahren einschätzen. Fahrstunde plus Verwaltungsaufwand kosten rund 70 Euro, sagt er. Verpflichtend sind diese Beobachtungsfahrten aber nicht – und niemand muss den Führerschein abgeben, wenn Unsicherheiten festgestellt werden.
Das Alter bringt einige Defizite mit sich, erklärt Siegfried Brockmann, der Leiter der Unfallforschung der Versicherer. Die Statistiken belegen, dass ältere Fahrer bezogen auf die gefahrenen Kilometer mehr Unfälle verursachen, berichtet er. „Ursache sind meistens kognitive Einschränkungen.“ Und am häufigsten würden die Unfälle in Kreuzungsbereichen passieren. Die Senioren hätten zwar viel Erfahrungswissen, brauchen aber länger, um viele Informationen zu verarbeiten. „Beim Linksabbiegen muss man Autos, Radfahrer und Fußgänger im Blick behalten, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten aus verschiedenen Richtungen kommen. Das ist die klassische Situation, mit der Senioren Schwierigkeiten haben“, erklärt der Experte.
Das Problem sei aber: „Viele wissen nicht, wie unsicher sie sind. Gerade ältere Männer glauben, sie können gut Auto fahren“, sagt Brockmann. Defizite könne man nur auf Beobachtungsfahrten testen. Ein Fahrlehrer, Verkehrspsychologe oder TÜV-Prüfer gibt dem Fahrer danach eine professionelle Einschätzung. Es droht aber weder eine Verwarnung, noch der Führerscheinentzug.
Grundsätzlich werden diese freiwilligen Angebote aber zu wenig genutzt, sagt Brockmann. Fahrlehrer Hawla kann das bestätigen. „Der größte Teil der Senioren kommt nicht freiwillig“, sagt er. Etwa einmal pro Monat macht er eine angeordnete Beobachtungsfahrt. Dann sitzt ein Prüfer auf dem Rücksitz. Das passiert zum Beispiel, wenn ein älterer Autofahrer auf einem Supermarkt-Parkplatz ein anderes Auto touchiert und weiterfährt. Das gilt als Fahrerflucht, das Landratsamt kann dann auf eine Beobachtungsfahrt bestehen – sonst ist der Führerschein weg.
Brockmann plädiert für obligatorische Tests für Menschen ab 75. „Ich bin strikt gegen Tests, die zum Verlust der Fahrerlaubnis führen“, betont er. Denn um eine sichere Prognose stellen zu können, müsste man jemanden einen ganzen Tag begleiten. Beobachtungsfahrten könnten den Senioren allerdings helfen, ihre Schwächen besser einzuschätzen. Von einem Profi würden manche das vielleicht eher annehmen als von Kindern und Enkeln, glaubt er. Die Tests könnten den Lerneffekt haben, dass unsichere Senioren nur noch vertraute Strecken fahren, nicht mehr nachts und nicht mehr durch Innenstädte, sagt er.
Auch Fahrlehrer Hawla hält solche verpflichtenden Tests für sinnvoll. Lkw-Fahrer müssten bereits ab dem 50. Lebensjahr alle fünf Jahre einen Sehtest und einen ärztlichen Check machen, erklärt er. Und auch wenn niemand gezwungen werde, den Führerschein abzugeben, manchmal lohne es sich vielleicht auch, durchzurechnen, wie viel ein Auto kostet. Hawla ist überzeugt: „Für viele Senioren wäre ein Taxi billiger.“ VON TINA SCHNEIDER-RADING