Bayerns rätselhafteste Mordfälle

von Redaktion

Auch nach Jahrzehnten auf den Fersen der Täter: Die Polizei und ihre „Cold Cases“

VON ANGELIKA RESENHOEFT

Nußdorf – „Cold Cases“-Ermittler pusten den Staub von den Akten ungeklärter Mordfälle, die manchmal seit Jahrzehnten in den Polizeiarchiven lagern. Sie suchen nach „blinden Flecken“ und Lücken in der Ermittlungsarbeit der damaligen Mordkommissionen, studieren Akten und Asservate. Mit neuen Techniken und Auswertungsverfahren soll heute möglichst jeder Mordfall aufgeklärt werden. Ein Überblick über Bayerns ungelöste Mordfälle.

Klaus Berninger, Wörth am Main

Der 16-Jährige verschwindet am 20. Dezember 1990. Drei Tage später finden Spaziergänger seine Leiche in einem Wald nahe der Kleinstadt Wörth am Main an der bayerisch-hessischen Landesgrenze. Die Polizei geht davon aus, dass der Jugendliche umgebracht wurde. Nach damaliger Erkenntnis starb er durch Gewalteinwirkung mit einem scharfkantigen Werkzeug gegen den Hals. Auch nach monatelanger Ermittlung kann kein Täter überführt werden.

Im Frühjahr 2022 ermittelt die unterfränkische Polizei wieder intensiver. Tausende Anwohner werden befragt. Es folgt eine Suchaktion im Wald, bei der ein Messer mithilfe eines Metalldetektors gefunden wird. Ob es das Tatmesser ist, ist öffentlich bisher nicht bekannt.

Harry und Truus Langendonk, Nußdorf

Am 7. Juni 1997 liegen die Eheleute (63, 61) bei Litzlwalchen, einem Ortsteil von Nußdorf im Kreis Traunstein, neben ihrem Wohnmobil in Liegestühlen. Ein Unbekannter erschießt sie, anschließend wird beiden Leichen die Kehle durchtrennt. Das Wohnmobil mit den Mordopfern wird zu einem Waldparkplatz bei Nürnberg gefahren und dort in Brand gesteckt. „Das ist unser Cold Case Nummer 1“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. „Den haben wir immer mal wieder in die Hand genommen, aber es gibt keine neuen Ermittlungsansätze.“

Die Tatwaffe ist bis heute nicht gefunden. Die Ermittler vermuten, dass der Täter das Paar womöglich ausrauben wollte – die Holländer hatten eine größere Reisekasse mit Bargeld in verschiedenen Währungen dabei. Dann sei die Situation vielleicht eskaliert. In den vergangenen Jahren ist die Polizei Tausenden Hinweisen nachgegangen und hat Hunderte Personen überprüft. Die Ermittler erstellten sogar ein Phantombild eines Mannes, der in der fraglichen Nacht ganz in der Nähe des Brandortes von einer Telefonzelle aus ein Taxi rief – und sich erst zum Nürnberger Hauptbahnhof bringen ließ. Und später in die Nähe des Tatortes im Kreis Traunstein.

Sabine Back, Karlstadt

Auf einem Bauernhof im unterfränkischen Karlstadt bricht im vergangenen September ein Feuer aus. Das ist brisant, weil auf dem Gelände 1993 ein totes Mädchen entdeckt wurde. Der Mordfall ist bisher ungeklärt. Den früheren Besitzer des Anwesens hatten die Ermittler in der Vergangenheit als Verdächtigen im Visier. Sein Verfahren war aber mangels Tatnachweises eingestellt worden, der Mann ist mittlerweile tot.

Seit 2021 ermittelt die Polizei wieder intensiver zum Tod der 13-Jährigen, nachdem feinere DNA-Analysen neue Hinweise gebracht hatten. So wurde auch der Tatort im etwa 1100 Einwohner zählenden Ortsteil Wiesenfeld erneut untersucht. Im Dezember 2021 klagt die Staatsanwaltschaft einen Mann wegen Mordes an, der damals 17 Jahre alt war. Doch das Landgericht Würzburg lässt die Anklage aus Mangel an stichhaltigen Beweisen nicht zu. Dagegen legt die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein. Das zuständige Oberlandesgericht Bamberg hat darüber bisher nicht entschieden.

Waltraut Ess, Bad Neustadt/Saale

1993 wird die 51-jährige Geschäftsführerin eines Autohauses aus dem Kreis Rhön-Grabfeld getötet. Die gefesselte Leiche findet der Sohn. Die Getötete hatte nach der Rückkehr von einem Lokalbesuch offenbar Einbrecher in ihrer Wohnung überrascht und war durch stumpfe Gewalt gegen den Hals getötet worden. Bis auf 3500 Mark entwenden die Täter nichts. Keine zwei Wochen später präsentieren die Ermittler einen 28-jährigen Verdächtigen – doch ihm kann nichts nachgewiesen werden. Zum Jahresende 2022 rollt die Polizei den Fall wieder auf. „Wir haben jedes Stückchen Klebeband aufgehoben und noch weitere Spuren zur Untersuchung auf Halde. Wir geben nie auf“, sagt ein damaliger Ermittler.

Daniel, Bayreuth

In der Nacht vom 18. auf den 19. August 2020 ist der 24-Jährige mit seinem Fahrrad auf einem unbeleuchteten Weg am Stadtrand von Bayreuth unterwegs, als er im Dunkeln angegriffen wird. Der mit einem Messer bewaffnete Täter bringt den jungen Mann um, „mit absolutem Tötungswillen“, wie es von der „Soko Radweg“ heißt. Profiler der Kripo gehen davon aus, dass der Täter im Rahmen einer „psychischen Auffälligkeit“ handelte oder eine Tötungsfantasie umsetzte. Die Ermittler versuchen, mit einer außergewöhnlichen Plakatkampagne mit einem Foto des Opfers und der Frage „Wer hat mich hier ermordet?“ den Fall zu klären – bisher vergeblich.

Weitere Fälle

Peggy Knobloch (Lichtenberg), Christiane Junker (Aschaffenburg), Monika Frischholz (Flossenbürg), Gertrud Kalweit (Amberg) und viele mehr: Einige Taten sind auch 40 Jahre nach dem Verbrechen ungelöst – bei manchen Opfern steht bis heute nicht mal ihre Identität fest. Dem Innenministerium zufolge hat die Bearbeitung von Altfällen eine sehr hohe Priorität. Immer wieder würden „Cold Cases“ in die Hand genommen. Das Landeskriminalamt überprüfe zudem regelmäßig beispielsweise alte Fingerabdrücke und andere Spuren.

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