„Die Menschen waren in Benzin getränkt“

von Redaktion

INTERVIEW Grünen-Politiker war als Sanitäter bei einem Rettungseinsatz im Mittelmeer dabei

Andreas Krahl ist nicht nur Landtagsabgeordneter der Grünen, sondern auch Rettungssanitäter. Weihnachten hat der 33-jährige Murnauer auf einem Schiff der Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye verbracht. Er hat dabei geholfen, 108 Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Es waren emotionale Tage, sagt er. Was er vor der libyschen Küste erlebt hat, wird auch Einfluss auf seine Arbeit als Politiker haben.

Sie haben Weihnachten auf dem Mittelmeer verbracht, um Flüchtlinge zu retten. Wie schwer ist es, danach wieder in den Alltag zu finden?

Relativ schwer. Die Hilfe dort ist ganz unmittelbar. Das, was man tut, bekommt eine ganz andere Bedeutung.

Wie haben Sie sich auf den Einsatz vorbereitet?

Ich bin Rettungssanitäter und Intensivpflegekraft, auf diese Ausbildung kann ich mich verlassen. Ich war zuvor schon einmal auf der Sea-Eye 4 dabei, deshalb kannte ich die Umgebung dort. Aber auf die Rettungen kann man sich nur schwer vorbereiten. Wir hatten zwei Einsätze – beide sind nicht zu vergleichen.

Wie waren die Migranten unterwegs?

Zuerst haben wir bei drei bis vier Meter hohen Wellen ein Schlauchboot entdeckt, an Bord waren 63 Menschen. Die Menschen waren einen Tag unterwegs. Die zweite Rettung war aber noch deutlich emotionaler. 45 Menschen saßen auf einem Glasfaserboot, das ungefähr dreimal so groß war wie ein Ruderboot auf dem Staffelsee. Sie waren bereits seit sechs Tagen unterwegs. Die Menschen waren in Benzin getränkt, als wir sie an Bord holten. Sie hatten tagelang in einer Mischung aus Benzin, Erbrochenem und Urin gesessen.

In welchem Zustand waren sie?

Rein körperlich war das Hauptproblem die Unterkühlung, einige hatten nur noch eine Körpertemperatur von 34,3 Grad. Das bedeutet Lebensgefahr. Auch mit Dehydrierung hatten viele zu kämpfen. Durch die Mischung aus Benzin und Salzwasser hatten 18 Menschen schwere bis mittelschwere Hautverätzungen. Wir hatten zum Schluss kein Verbandsmaterial mehr. Die drei Schwerstverletzten wurden im Hafen von Livorno direkt in ein Brandverletzungszentrum gebracht. Ich habe in Murnau auf der Schwerbrandintensivstation gearbeitet. Das Schlimmste steht den Menschen noch bevor, bei zwei könnten die Verbrennungen lebensgefährlich sein.

Italien hat vor wenigen Tagen ein Dekret verabschiedet, nach dem zivilen Seenotrettern nur noch eine Rettung pro Einsatz erlaubt ist. Was hätte das für Ihre Mission bedeutet?

Das war schon auf unserer Mission die offizielle Anweisung, die wir von Malta bekommen haben. Es hieß: Fahrt an dem zweiten Boot vorbei. Das war natürlich keine Option. Wir fahren ja auch nicht an einem Unfall vorbei, ohne zu helfen.

Wie lief die Zusammen- arbeit mit Italien ab?

Da muss man klar unterscheiden. Die Seenotrettungsstelle in Rom hat uns Livorno im Norden Italiens als sicheren Hafen zugewiesen. Das bedeutete, dass wir mit schwer verletzten und traumatisierten Menschen tagelang an zig italienischen Häfen vorbeifahren mussten. Und gleichzeitig hat es bedeutet, dass wir fünf Tage länger nicht im Einsatzgebiet unterwegs sein konnten. Vorbildlich war die Hilfe von den Behörden und Hilfsorganisationen in Livorno. Als wir ankamen, gab es sofort medizinische Erstversorgung und Essen für die Geretteten.

Wie emotional war die Ankunft im Hafen?

Sehr emotional. Besonders der Abschied von einem meiner Sorgenkinder – ein Mann aus Bangladesch, der wegen Unterkühlung eine Nacht in einer Art Halb-Koma lag. Ich wusste, dass er keine Ahnung hatte, wie knapp es für ihn war. Und auch nicht davon, was er noch vor sich hat. So rosig ist die Zukunft für die Geretteten in Europa nicht.

Wird die Mission in Ihre politische Arbeit einfließen?

Nicht nur in die politische Arbeit, in mein ganzes Leben. Das kann ich nicht mehr ausblenden. Ich glaube, ich kann durch diese Erfahrung mit Kritikern auf einem anderen Niveau diskutieren, wenn sie behaupten, die Lage auf dem Mittelmeer sei nicht so gefährlich.

Sind Sie für Ihren Einsatz angefeindet worden?

Bisher nicht. Es gab eine Stimme, die Unmut geäußert hat, dass ich eine Landtagssitzung deswegen verpasst habe. Aber da steh ich drüber. Ich glaube, wenn Kollegen im Landtag parallel zu ihrem Mandat Rechtsanwaltskanzleien betreiben können, sollte es passen, dass ich mich einmal im Jahr um die Verätzungen von Menschen auf der Flucht kümmere. Es ist meine Überzeugung, dass die Rettungsschiffe fahren müssen.

Vielen Hilfsorganisationen fehlt Spendengeld für die Missionen. Wie muss die Politik unterstützen?

Seenotrettung ist und bleibt ureigene staatliche Pflicht! Auch Deutschland muss sich dieser Verantwortung stellen. Die Bundesregierung hat nun erstmals finanzielle Unterstützung für zivile Seenotrettung auf den Weg gebracht. Sie will jährlich zwei Millionen Euro für das Bündnis „United4Rescue“ zur Verfügung stellen. Das ist zumindest ein Anfang. Wir müssen es hinkriegen, dass die Missionen gesichert sind.

Was erwarten Sie von der EU?

Von der Europäischen Union gibt es zu wenig Unterstützung. Nur, weil Italien drei Landesgrenzen am Meer hat, darf es nicht allein die Verantwortung für die Fluchtbewegung über das Mittelmeer tragen müssen. Es ist die Pflicht jedes EU-Mitgliedstaates, zu helfen. Länder wie Ungarn entziehen sich der Verantwortung komplett. Auch von Deutschland erwarte ich mehr. Die Sea-Eye 4 und viele andere Rettungsschiffe fahren unter deutscher Flagge. Ich glaube, dass eine Anfahrt in Sizilien als sicherem Hafen wieder möglich wäre, wenn Italien von der EU mehr Hilfe bekommen würde.

Interview: Katrin Woitsch

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