Gilching – Weihnachten hat Michael Wilhelm seine ersten Schritte geschafft. Noch vor ein paar Monaten hätte er das nicht für möglich gehalten. Denn als er am 16. August auf der Intensivstation des Ingolstädter Klinikums die Augen aufschlug, war fast kein Knochen in seinem Körper mehr unversehrt. Dabei war der Gilchinger in seiner Erinnerung gerade noch bei der Brass-Wiesn in Eching im Kreis Freising im Bierzelt gewesen. Bis heute ist ungeklärt, was in dieser Nacht auf den 5. August gegen 0.30 Uhr geschah.
Fest steht: Wilhelm wurde von einem Autofahrer auf einem Feld außerhalb des Festivalgeländes mit hohem Tempo überfahren und an der Unfallstelle schwerst verletzt liegen gelassen. Der Unfallfahrer ist nach wie vor flüchtig. Am Unfallort wurden Teile eines dunkelfarbigen BMW X5 älterer Bauart gefunden, berichtet Andreas Aichele vom Polizeipräsidium Oberbayern Nord. „Der Fall ist bei uns sehr hoch aufgehängt“, betont er.
Michael Wilhelm lag zwölf Tage im künstlichen Koma, insgesamt war er 16 Wochen im Krankenhaus. Er überstand sieben Operationen, mindestens zwei weitere stehen noch an. Seine Verletzungsakte: linker Oberschenkel innen offen ausgerenkt; Adduktoren und Gefäße abgerissen, linkes Knie ausgerenkt, komplexer Oberschenkelbruch rechts, sieben gebrochene Rippen, Dornfortsätze der Wirbelsäule gebrochen, linkes Schlüsselbein ausgerenkt, beide Schulterblätter angerissen, Wasser zwischen Lunge und Brust.
Wilhelm ist 1,85 Meter groß. Als das Auto ihn erwischte, wog er 96 Kilogramm. Es gilt als unwahrscheinlich, dass der Autofahrer nichts von dem Aufprall bemerkt hat. Als Aufprallgeschwindigkeit wird von 80 km/h ausgegangen. „Es ist schon die Frage, was der Autofahrer auf der Wiese gemacht hat“, sagt Wilhelm. Satellitenbilder zeigen auf dem Feld eine kreisrunde Spur. „Womöglich hat er driften geübt und mich dabei erwischt.“
Der 34-Jährige würde sich gerne erinnern, wie er vom Festivalgelände auf das Feld gekommen ist. Natürlich hatte er ein paar Bier getrunken, aber total betrunken sei er nicht gewesen, sagt er. Die vergangenen Wochen hat sich Wilhelm ins Leben zurückgekämpft. An seiner Seite sind seine Frau Alexandra (34) und sein vierjähriger Sohn Ferdinand. Immer wieder kämpft er mit Momenten der Mutlosigkeit und der Erschöpfung. „Physisch, psychisch und finanziell ist die Belastung extrem. Das ist ein Marathon, und niemand weiß, was da noch kommt.“
Vor seinem Unfall war er bei TQ Systems in Seefeld als strategischer Einkäufer beschäftigt, nun ist er seit Monaten krankgeschrieben. „Zum Glück habe ich einen sehr verständnisvollen Chef, dafür bin ich sehr dankbar.“ Auch der Polizei ist er dankbar. „Insbesondere der leitende Ermittler hängt sich da sehr rein, trotz aller bürokratischen Hürden.“
Privat geben ihm seine Familie und Freunde Halt. Seit fünf Jahren leben die Wilhelms in Gilching im Kreis Starnberg. Michael Wilhelm ist Mitglied beim Guichinga Brauchtum. Dessen Vorsitzender René Weber initiierte im August spontan eine Spendenaktion. Gerührt ist Wilhelm auch von dem Zuspruch im Klinikum Ingolstadt. „Das gibt mir alles Kraft.“ Oft macht er sich Sorgen um seinen kleinen Sohn, der nun schon Monate mit der Familie im Ausnahmezustand lebt. Alexandra Wilhelm klingt trotz allem entschlossen: „Wir kriegen das hin.“
Ein Mitstreiter an Wilhelms Seite ist Martin Erhardt. Die beiden sind seit Jahren befreundet. Erhardt ist Projektleiter bei der Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung. Er ist sicher, dass es Satellitenaufnahmen von dem Unfall gibt. Aus zuverlässiger Quelle weiß er, dass sogar Kennzeichen ermittelt werden können, sagt er. „Doch der Datenschutz und die Bürokratie erschweren die Recherche.“ Dennoch hat Erhardt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt angefragt. „Wir werden uns das genau anschauen“, sagte DLR-Sprecher Andreas Schütz. Immer wieder würden Bilder aus dem All für die Recherche von Kriminalfällen angefragt. Er räumt aber ein: „Es gehört viel Glück dazu, dass genau zum Unfallzeitpunkt ein Satellit brauchbare Bilder in hoher Auflösung gemacht hat.“
In Erhardts Augen handelt es sich bei dem Unfall auch nicht um ein Verkehrsdelikt – die Polizei bearbeitet es aber so. In Anbetracht der Geschwindigkeit des Unfallfahrzeugs könne der Unfall als versuchtes Tötungsdelikt gewertet werden, findet er. Dann müsste die Kripo ermitteln, sie hat mehr Möglichkeiten.
Wilhelm geht es nicht um Rache, sagt er. Aber eine Entschädigung und damit finanzielle Absicherung würde seiner Familie sehr helfen. Sein Appell an den Unfallfahrer: „Erleichtern Sie Ihr Gewissen und stellen Sie sich der Polizei.“