Man sieht einen dicht gereihten Zug von Menschen, viele tragen Hakenkreuzbinden. Eine Fahne trägt die Aufschrift „Ortsgruppe Erlangen“. Am Straßenrand stehen Zuschauer, manche wohl erstaunt über diesen geisterhaften Umzug von Nationalsozialisten durch die Münchner Innenstadt, andere vielleicht auch heimlich sympathisierend, wie etwa jener Mann, der seinen Hut zur Begrüßung abzieht.
Es ist Sonntag, 28. Januar 1923: Die NSDAP hält ihren allerersten Parteitag ab. Man kennt die Bilder von den NSDAP-Parteitagen in Nürnberg, Hunderttausende, die Hitler zujubelten. Das war in den 1930er-Jahren. Aber auch schon 1923 folgten Hitler Tausende, die Zeitungen gingen allein von 6000 von auswärts angereisten Parteigänger aus. Schon damals war der Parteitag skandalös, weil sich die Nazis über behördliche Auflagen hinwegsetzten.
Der Parteitag fand in äußerst spannungsgeladener Zeit statt. Erst zwei Wochen zuvor waren die Franzosen ins Ruhrgebiet einmarschiert. Bayerns Innenminister Franz Xaver Schweyer (BVP) verhängte für Bayern den Belagerungszustand. Er befürchtete Ausschreitungen der Nationalsozialisten gegen Gewerkschaften und Sozialdemokraten. So wurden statt der eigentlich angesetzten zwölf nur sechs Reden von Hitler und seinen Gefolgsleute in den Münchner Bierkellern genehmigt. Der Historiker Karl-Alexander von Müller besuchte eine davon im Löwenbräukeller – „stundenlang ununterbrochen dröhnende Marschmusik, stundenlang kurze Reden von Unterführern“, schrieb er. „Plötzlich am Eingang hinten Bewegung, Kommandorufe. Der Sprecher auf dem Podium bricht mitten im Satz ab. alles springt mit Heilrufen auf“ – und dann marschierte Hitler ein. Er redete nur eine Viertelstunde, dann ging es weiter zur nächsten Gaststätte. Es wurden dann doch zwölf Reden. Daneben gab es einen bunten Abend, bei dem der bekannte Volkssänger (und NS-Sympathisant) Weiß-Ferdl sowie der Opernsänger Bayrhammer (Vater von Gustl) auftraten. Höhepunkt des Parteitags war aber eine theatralische Fahnenweihe. Eigentlich sollte sie im Circus Krone stattfinden – doch wieder setzte sich Hitler über das Verbot hinweg und verlegte sie auf den Platz davor, das Marsfeld. Die Polizei schritt einmal mehr nicht ein. Gewalt immerhin gab es an jenem Wochenende nicht.
Erschwert wurde das Vorgehen gegen die NSDAP dadurch, dass viele Hitlers Treiben mit klammheimlicher Sympathie verfolgten. Der Münchner Historiker Thomas Raithel hat kürzlich in einem Vortrag im Münchner Hauptstaatsarchiv, der Auftakt zu einer Vortragsreihe über das Jahr 1923 war, auf ein problematisches „wording“ hingewiesen: Auch die NSDAP wurde damals weithin als „vaterländisch“ oder „national“ bezeichnet – unter dem Begriff konnte sich ein national gesinnter Liberaler ebenso wiederfinden wie ein hartgesottener Rechtsextremist.
Gut nachvollziehen lässt sich das in der Berichterstattung der „Münchener Zeitung“ über den Parteitag. Für die Zeitung war die NSDAP eine „doch durchweg national gerichtete Partei“, weshalb sie gegen die Vorgehensweise Schweyers „schwere Bedenken“ erhob.
Der Auftritt der NSDAP wurde also toleriert, wenn nicht offen unterstützt. Scharfe Sanktionen unterblieben. Letztlich war so der Weg vorgezeichnet, der bis zum Hitlerputsch am 8. November 1923 führte – als der spätere Diktator glaubte, er habe die bayerische Regierung und die örtliche Reichswehr hinter sich für seinen geplanten Marsch auf Berlin und den Sturz der jungen Weimarer Republik. DIRK WALTER