Ingolstadt – Elf Tage, bevor ihre Leiche in einem schwarzen Mercedes E 200 Coupé in Ingolstadt gefunden wird, veröffentlicht Khadidja, 23, ein Video auf der Internet-Plattform TikTok. „Orte, die ich noch sehen will, bevor ich gehe“, schreibt sie dazu. Mekka im Regen, Medina bei Sonnenuntergang, die al-Aqsa-Moschee in Jerusalem – heilige Orte für Muslime. Doch unter ihrem Beitrag steht auch: „Jetzt bist du gegangen, ohne diese schönen Orte zu besuchen.“ Und ganz oft „Ruhe in Frieden“. Denn Khadidja wurde Opfer eines Verbrechens. Die Personalvermittlerin aus dem Kreis Heilbronn wurde ermordet, weil sie ihrer mutmaßlichen Mörderin zum Verwechseln ähnlich schaute.
Der Fall spielt im August vorigen Jahres. Neu ist das Motiv, das sich nach äußerst umfangreichen Ermittlungen abzeichnet. „Die Ermittler gehen inzwischen davon aus“, heißt es, „dass die Tatverdächtige aufgrund familiärer Probleme untertauchen und ihren Tod vortäuschen wollte.“ Gegen die Tatverdächtige und ihren Komplizen wurden neue Haftbefehle beantragt – und zwar nicht mehr wegen gemeinschaftlichen Totschlags, sondern wegen dringenden Tatverdachts des gemeinschaftlich begangenen Mordes. „Es ist davon auszugehen, dass die beiden Beschuldigten aus niedrigen Beweggründen handelten und bei der Ausführung der Tat heimtückisch vorgingen“, sagt Veronika Grieser, Oberstaatsanwältin in Ingolstadt.
Der Fall ist kompliziert. Am Abend des 16. August 2022 rufen Anwohner in Ingolstadt die Polizei. Sie haben Schreie gehört, melden Personen, die verzweifelt auf einen schwarzen Mercedes einschlagen. Als die Polizei eintrifft, finden sie in dem Auto eine leblose junge Frau. Der Notarzt kann sie nicht wiederbeleben, später wird klar, dass sie erstochen wurde. Die Personen am Fundort sind offenbar die Eltern der Toten – Sharaban K., damals 23, eine deutsch-irakische Kosmetikerin aus Ingolstadt. Zumindest sieht es zunächst danach aus. Die Polizei nimmt die Ermittlungen wegen eines Gewaltverbrechens auf.
Doch schon am nächsten Tag sieht die Polizei „eine völlig neue Sachlage“. Denn die Obduktion ergibt „massive Zweifel an der Identität“ des Opfers. Tatsächlich: Die vermeintlich getötete Sharaban K. ist am Leben, sie wird festgenommen. Wenig später verhaftet die Polizei auch den damals 23-jährigen Kosovaren Sheqir K. in seiner Wohnung in Ingolstadt. Und wer ist die Tote? DNA-Spuren führen zweifelsfrei zur jungen Algerierin Khadidja. Doch wie kamen die drei zusammen?
Die Ermittler haben in den letzten Monaten zahlreiche Zeugen vernommen, Spuren gesichert, Daten ausgewertet. Das Ergebnis ist schockierend. Sharaban K. soll mit ihrer Familie Streit gehabt haben, Details verrät die Staatsanwaltschaft nicht. Deshalb fasst die Deutsch-Irakerin offenbar einen teuflischen Plan. Sie kontaktiert im Internet über Instagram mehrere Frauen, die ihr vom Typ her ähnlich scheinen. Sie schreibt auch Khadidja und bietet ihr eine Mitarbeit im Musikvideo einer Rapperin an. Im Chat, der unserer Zeitung vorliegt, zeigt Khadidja Interesse, doch sie fragt auch nach Details, zum Beispiel dem Drehort des Videos. Und sie sichert sich ab, kontaktiert sogar die Musikerin. Doch die Sängerin warnt sie, das Angebot sei falsch. Khadidja lässt die Finger davon, aber Sharaban K. bleibt hartnäckig. Sie fingiert ein Model-Angebot – jetzt tappt ihr Opfer in die tödliche Falle.
Am 16. August steigen Sharaban K. und Sheqir K. in den Mercedes. Sie fahren 270 Kilometer nach Eppingen und holen das Opfer wie ausgemacht ab. Doch statt zu dem vereinbarten Ziel geht es Richtung Ingolstadt. Auf dem Weg, in einem Waldstück, wird Khadidja wie geplant aus dem Auto gelockt und laut Polizei „mit einer Vielzahl von Stichen“ getötet. Über 50, heißt es. Danach setzen die Täter die Fahrt nach Ingolstadt fort. Angeblich soll Sharaban K. ihrem Komplizen Sheqir K. 80 000 Euro geboten haben. Die Tatwaffe ist bislang nicht auffindbar.