Oberbayerns Heimatpfleger sagt Servus

von Redaktion

INTERVIEW Norbert Göttler verabschiedet sich mit Forschungen über Kriegerdenkmäler

Der Schriftsteller und Autor Norbert Göttler, 63, aus Dachau war elf Jahre lang hauptamtlicher Bezirksheimatpfleger für Oberbayern. Gestern wurde er vom Bezirkstag verabschiedet. Ein Gespräch über das, was Heimat bedeutet.

Ist der Begriff Heimatpfleger nicht antiquiert?

Könnte man denken. Als ich vor 20 Jahren Kreisheimatpfleger in Dachau wurde, hat mir der damalige Landrat sogar angeboten, den Begriff zu ändern – wenn mir was anderes einfällt.

Aber es ist Ihnen nichts eingefallen?

Nein, nichts Gscheites. Kulturpfleger, Kulturgeschichtsreferent – das klang alles gestelzt und umständlich. Deshalb ließen wir es. Heute würde die Diskussion aber niemand mehr führen, weil sich der Begriff Heimat gewandelt hat. Er ist nicht mehr verstaubt, sondern sogar chic. Es ist ja kein Wunder, dass es sogar ein Heimatministerium gibt.

Bei Heimatpflege denken viele an Bräuche, Tracht und Dialekt. Das war aber nicht ihre Hauptaufgabe.

In der Tat nicht. Bräuche – der Ausdruck ist mir lieber als der alte Begriff Brauchtum – und Tracht sind dem Bezirk so wichtig, dass sie eigene Abteilungen sind, Tracht in Benediktbeuern, Musik neuerdings breiter gefasst im ZeMuLi – dem Zentrum für Volksmusik, Literatur und Popularmusik in Bruckmühl. Trotzdem war ich für die Heimatpflege von A bis Z zuständig – von Archäologie bis Zeitgeschichte.

Es gibt viele Zuständige für Heimat, aber dennoch ist sie bedroht. Der Dialekt stirbt aus, die Wirtshäuser schließen, wie aktuell die Gotzinger Trommel im Landkreis Miesbach.

In anderen Bundesländern werden wir um unser Engagement für die Heimatpflege beneidet. Jeder Landkreis muss einen Kreisheimatpfleger beschäftigen, zumindest mit einer Aufwandsentschädigung im Ehrenamt. Ich fürchte nur, dass wir aus unserer guten Basis zu wenig machen. Kreisheimatpfleger müssen hauptamtlich angestellt werden, das ist bisher aber die Ausnahme. Es gibt etwa fünf in Oberbayern, in anderen Bezirken gibt es das gar nicht.

Liegt es am Geld?

Nicht nur. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu finanzieren – bis hin zur EU. Es gibt schwer zu ergründende Widerstände. Langjährige Heimatpfleger sagen zum Beispiel, warum sollen die Neuen Geld bekommen, wir haben es doch auch ehrenamtlich gemacht. Ich bleibe aber dabei: So wie momentan die Heimatpflege in der Fläche aufgestellt ist, ist sie nicht zukunftsfähig.

Wo müssten sich Heimatpfleger mehr einmischen? Beim Dialekt?

Das sehe ich nicht so. Ich bin Dialektsprecher – wenn ich will.

Wann wollen Sie denn?

Das ist für mich keine ideologische Frage, das ist eine Milieufrage. Mein Dachauerisch passt, wenn ich zu Hause bin, wenn ich beim Schafkopfen bin. Es passt nicht immer, jede Sprachfärbung muss ja auch verstehbar sein. Dialektpflege ja – aber ich bitte um Maß und Ziel.

Sie klingen jetzt nicht so pessimistisch. Glauben Sie nicht, dass der Dialekt ausstirbt.

Zumindest sehe ich es etwas differenzierter. Natürlich wird in München heute kaum noch Dialekt gesprochen. Aber diese Abflachung war schon im 19. Jahrhundert da. Im Alpenvorland ebenso wie im Dachauer Land bis rauf nach Schrobenhausen – da erlebe ich noch sehr viel Dialekt. Ich bin allerdings noch in einer Dorfschule unterrichtet worden, in der viele Kinder keinen Satz Hochdeutsch konnten. Das geht in einer Industriegesellschaft heute auch nicht. Wir müssen zweigleisig fahren.

Der Bezirk beschloss in Ihrer Amtszeit ein neues Museum. Um was geht es?

In Dachau auf dem Gelände der ehemaligen MD-Papierfabrik, die abgerissen worden ist bis auf zwei denkmalgeschützte Gebäude, soll ein Arbeiter- und Industriekulturmuseum entstehen. Das ist der Arbeitstitel. Es soll kein technisches Museum werden, sondern ein sozialgeschichtliches. Wie haben sich Arbeiterschaft und Unternehmertum auf dem Land entwickelt? Das ist die Fragestellung.

Wann ist Eröffnung?

Die drei Partner – Stadt und Landkreis Dachau sowie der Bezirk Oberbayern – wollen eine Zweckvereinbarung unterzeichnen und einen Gründungsdirektor oder eine -direktorin einstellen. Er oder sie soll fünf Jahre Zeit haben, das zu entwickeln, sodass das Museum Ende der 2020er-Jahre starten könnte.

Als Dachauer kamen Sie an Ludwig Thoma nicht vorbei. Kann man ihn noch lesen oder spielen?

Schwieriges Thema. München will die letzte Ludwig-Thoma-Straße in Pasing umbenennen. Es gibt aber auch noch viele nach ihm benannte Straßen oder Schulen in Bayern. Klar ist, dass Thoma in der letzten Lebensphase Antisemit und Antidemokrat war. Manchmal wird gesagt, er sei aufgrund seiner Krankheit unzurechnungsfähig gewesen. Das stimmt nicht.

Also den Straßennamen ändern?

Die Vergabe eines Straßen- oder Schulnamens ist mit die höchste Ehre, die man einem Bürger verleihen kann. Meine Position ist, dass wir das zumindest kontextualisieren müssen.

Das bedeutet konkret?

Erklären, etwa mit Hinweisschildern. Die Maximalposition ist die Umbenennung. Ich bin, was Dachau betrifft, hin- und hergerissen. Es gibt ja noch weitere politisch zumindest zweifelhafte, teils klar NS-nahe Künstler, mindestens 20 Namen, Maler wie Stockmann oder von Hans von Hayek.

Ihr letztes Projekt nähert sich einem umstrittenen Thema: Kriegerdenkmälern.

Das Buch soll im April erscheinen, der Bezirk hatte mich dazu beauftragt. Anlass waren Anträge von Gemeinden, die für die Sanierung von Kriegerdenkmälern Zuschüsse erhalten wollten. Ein Antrag im Bezirkstag, das zu unterlassen, scheiterte zwar. Doch wir wollten mehr Klarheit, weil es natürlich auch kriegsverherrlichende Inschriften und unter den oft namentlich aufgelisteten toten Soldaten des Zweiten Weltkriegs auch SS-Mitglieder gibt.

Eine Untersuchung aller Kriegerdenkmäler also.

Aller sicher nicht, weil das sind ja Tausende. Aber eine systematische Querschnittsdarstellung.

Müssen die Denkmäler jetzt weg?

Ich sehe nirgends den Bedarf eines vollkommenen Rückbaus. Teilweise haben schon die Amerikaner nach 1945 kritisch draufgeschaut. Es gab eine ganze Reihe von Denkmälern, die damals abgebaut wurden. Teils gab es auch Umgehungsstrategien. In Neuötting wurde das martialische Denkmal erst ab-, dann wieder aufgebaut. Es steht heute noch. Also erklärende Tafeln halte ich teilweise schon für notwendig, da gibt es 10, 15 Fälle sicherlich. Die Diskussion darüber wird kommen, so viel ist sicher.

Das Gespräch führte Dirk Walter

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